Steinbrücks Treffen mit Soziologe Beck Merkiavelli und die Clowns

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück und Ulrich Beck, Autor der "Risikogesellschaft", sind sich einig: Merkel muss weg. Das ist wenig überraschend. Interessant ist die Diskussion im Rahmen der SPD-Veranstaltung "Philosophy meets Politics" dennoch. Geht es doch um die Zukunft Europas - jenseits der Finanzkrise.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Wolfgang Thierse fragt nach. Der SPD-Mann will wissen, was denn nun Europa für jeden Einzelnen bedeute. Dieses Riesengebilde mit 500 Millionen Einwohnern und bald 28 Mitgliedsstaaten, in dem jede Regierung mitreden will, weshalb es mehr Kommissare gibt als Themen, die besetzt werden müssten. In dem nur die Bürger kaum etwas zu sagen haben, weil das von ihnen gewählte Parlament, wie Kanzlerkandidat Peer Steinbrück richtigerweise anmerkt, nicht mal eigene Gesetze auf den Weg bringen kann.

Also, Ulrich Beck, bedeutendster Soziologe dieser Zeit, Autor der "Risikogesellschaft", was muss geschehen, damit der Einzelne Europa am eigenen Leib zu spüren bekommt?

"Doing Europe", sagt der, als wäre das die Weltformel. Als wären damit auf einen Schlag alle europäischen Krisen von der Finanz- über die Demokratie- bis zur Identitätskrise gelöst. Aber so ist es wohl, so einfach wie schwer. Doing Europe. Europa machen.

Aber wie nur?

Europa erfahrbar machen

Das ist wohl keine Frage für einen Soziologen wie Beck, der sich zuvor bald eine Stunde am Konzept der Kosmopolitisierung Europas abgearbeitet hat. Zu konkret. Zu bodennah. Steinbrück hat Antworten, einleuchtende sogar. Antworten, in denen es mal nicht um Finanzen und Währungen und Schulden geht.

Das Erasmus-Stipendienprogramm für angehende Akademiker auf berufliche Abschlüsse ausweiten etwa. Oder die europaweite Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Und dass Fremdsprachen mehr als bisher elementarer Bestandteil der Schulbildung sein müssen.

Nichts Weltbewegendes. Aber konkret genug, um Europa erfahrbarer zu machen.

"Philosophy meets Politics", heißt das Format, in dem das SPD-Kulturforum regelmäßig Denker und politische Macher aufeinandertreffen lässt. Um nicht zu sagen prallen lässt. Diesmal zum Thema Europa. Ein sperriges, ein dröges Thema, das die Leute aber interessiere, wenn der "Schleier der Unwissenheit" erst mal gelüftet sei, wie Mitdiskutant Julian Nida-Rümelin bemerkt, der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder.

Es ist der Versuch, dieses Thema politisch und intellektuell zu umreißen und die Handlungsfelder zu verorten, die noch zu wenig bis gar nicht beackert werden.

Der "Merkiavellistische Sparfundamentalismus" treibe Europa in die Krise

Für Steinbrück ist damit mehr als jene Krise gemeint, die allgemeinhin als Euro-, Finanz- oder Staatsschuldenkrise umrissen wird. Was Nida-Rümelin übrigens für irreführend hält. Der Schuldenstand der USA oder Japans sei weitaus höher. Der Euro sei stabil, stecke also mitnichten in einer Krise. Wenn, dann gehe es um eine Krise der Kreditwürdigkeit von Staaten.

Steinbrück nickt wissend. Es sind Sätze, die auch er regelmäßig sagt und die doch selten in der Öffentlichkeit debattiert werden. Da ist auch Soziologe Beck völlig bei ihm. Es sei der "Merkiavellistische Sparfundamentalismus", der Europa immer weiter in die Krise treibe.

Merkiavellistisch, eine Beck'sche Wortschöpfung, angelehnt an den florentinischen Politiker und Philosophen Niccolò Machiavelli, der immer bereit zu einer Schandtat war, wenn es ihm oder seinem Volk diente. Manche würden in dem Begriff eine Beleidigung Merkels sehen. Er sei kürzlich in Florenz gewesen, hält Beck entgegen. Dort sei der Begriff als eine Beleidigung Machiavellis aufgefasst worden.

Steinbrück ist damit sehr einverstanden. Er hatte einen italienischen Staatsmann mal als Clown bezeichnet. Was ihm böse Briefe von Clowns eingebracht habe. Hier im Willy-Brandt-Haus können sie darüber lachen. Vor einigen Monaten war das noch ein Aufreger, weil es an sich nicht den diplomatischen Gepflogenheiten amtierender Kanzlerkandidaten entspricht, ausländische Politiker zu beleidigen.

Kein deutsches Europa, ein europäisches Deutschland

Wie auch immer, in Merkels Spardoktrin sieht auch Steinbrück die Ursache vieles Üblen in Europa. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit etwa sei eine direkte Folge davon. Er will "eine Art Marshall-Plan" für notleidende europäische Länder. Das koste Geld. Viel Geld.

Steinbrück erinnert jene, die sich jetzt der Larmoyanz hingeben wollen, an die Anfänge der Europäischen Union, an die Montan-Union. Damals habe Frankreich, wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Nazi-Herrschaft, freiwillig Souveränitätsrechte an ein Land übertragen, das vielen Franzosen damals als ein Hort von Verbrechern vorgekommen sei. An Deutschland nämlich. Daran sei erinnert, wenn es heute um Solidarität mit Ländern wie Griechenland gehe.

Schon aus dieser Erfahrung heraus müsse Deutschland bestrebt sein, ein Volk guter Nachbarn zu sein. Nur: "Das sind wir nicht mehr uneingeschränkt."

Womit sich der Kreis schließt. Kein deutsches Europa, ein europäisches Deutschland. Das will Steinbrück, das will auch Beck. Und so haben sich Politik und Philosophie an diesem Donnerstagabend getroffen. Und waren sich einig. Kommt auch selten vor.