Steinbrück und seine Honorare "Mir fehlte das Fingerspitzengefühl"

Bei einer Podiumsdiskussion in Hamburg entschuldigt sich Peer Steinbrück dafür, 25.000 Euro Vortragshonorar von den Bochumer Stadtwerken angenommen zu haben. Gleichzeitig tauchen neue Vorwürfe gegen den SPD-Kanzlerkandidaten auf.

Von Kristina Läsker und Susanne Höll

Peer Steinbrück gibt erstmals zu, dass die Annahme von 25.000 Euro Honorar von den Bochumer Standtwerken ein Fehler war.

(Foto: dpa)

Das Altonaer Theater in Hamburg zeigt gern Stücke, die auf sozialkritischen Büchern beruhen. Im einstigen Arbeiterstadtteil Altona ist das meist ein Selbstläufer. Wie der Roman "Tadellöser & Wolff" von Walter Kempowski. Auch am Sonntagvormittag dient ein derartiges Buch als Grundlage für eine Matinée, die sich am besten mit "Ein Kanzlerkandidat und seine Reue" beschreiben ließe.

Auf der Bühne sitzen Detlef Wetzel, zweiter Vorsitzender der IG Metall, und Peer Steinbrück, SPD-Kandidat für das Amt des Bundeskanzlers. Vor gut 350 Zuhörern sollen sie über Wetzels neues Buch "Mehr Gerechtigkeit wagen" streiten. Eine Stunde lang diskutieren die beiden miteinander, doch die Nähe ihrer Positionen ist hinderlich. Das Gespräch bleibt so plüschig rot-gemütlich wie die Klappstühle im Saal. Bis Steinbrück zu dem Aufreger befragt wird, der ihm in den vergangenen Wochen die Laune vergällt hat: seine hohen Honorare für Vorträge.

Erstmals räumt der Sozialdemokrat offen und klar Fehler ein. Dass er von Bochums Stadtwerken ein Honorar von 25 000 Euro für eine Rede angenommen habe, sei falsch gewesen, sagt der 65-Jährige. "Ich dokumentiere diesen Fehler jetzt indirekt dadurch, dass ich das Honorar an drei wohltätige Organisationen spende." Es sind gequälte Sätze eines Politikers, der die Wucht der Debatte unterschätzt hat. Auch jetzt kann er die Empörung kaum unterdrücken. Wohlgemerkt darüber, das ihm diese Einnahmen so viel Gegenwind einbringen. Steinbrück hatte das Honorar - es lag deutlich über seinem üblichen Redesatz von 15 000 Euro - 2011 für einen Auftritt in einer inzwischen eingestellten Talk-Reihe erhalten. Als Ex-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, so meinen Kritiker, hätte er wissen müssen, dass die Stadt Bochum hoch verschuldet und ein solches Honorar daher unangemessen sei.

Bis zum Wochenende hatte Steinbrück öffentliche Reuebekundungen vermieden. Auf dem Landesparteitag der Niedersachsen-SPD am Samstag gestand er aber ein, dass ihm der "Wind ins Gesicht bläst", und dankte für die Solidarität der Partei. Er erhielt dort viel Beifall.

Vor den vielen Altlinken von Altona kommt nun das Mea culpa, das der analytische Volkswirt lange für überflüssig hielt. "Mir fehlte in diesem Augenblick das Fingerspitzengefühl, dass dahinter ein kommunales Unternehmen steckte", sagt er. Doch die Reue währt nur kurz: Es sei wirklich falsch, ihn als Kandidat ohne Maß und Instinkt zu bezeichnen, sagt er dann. Steinbrück bezieht sich darauf, dass er - seit Bekanntgabe der Kandidatur - weitere bezahlte Vorträge gehalten hat. Diese Auftritte habe man längst verabredet, er sei vertraglich dazu verpflichtet gewesen. "Das kann ich nicht als Fehler empfinden." Das Publikum klatscht, es buht den Moderator aus. Es ist ein Moment, in dem auch die Bande zwischen SPD und Gewerkschaft wieder aufleben. Wetzel empfiehlt sich als einer, mit dem Steinbrück rechnen darf. Er wundere sich über die gesellschaftliche Diskussion über die Honorare, betont der IG-Metaller. "Da ist viel Heuchelei."

Steinbrück selbst ärgert sich über die Diskussionen. Die Honorardebatte habe den Auftakt seiner Kandidatur verpatzt. "Warum soll ich da lange rumeiern. Es hat der SPD geschadet." Aus der Schweiz kommen derweil neue Vorwürfe, die Steinbrück nicht kommentieren will. Nach einem Bericht der Neuen Zürcher Sonntagszeitung soll er ein Honorar über 1500 Euro vom Ringier-Verlag nicht deklariert haben. Steinbrücks Sprecher dementiert und erklärt, das Geld sei gespendet worden. Auch gibt es Ungereimtheiten zwischen dem Versicherungsunternehmen Swiss Life und Steinbrück. Der Konzern will ihm 20.000 Euro als Honorar überwiesen haben, Steinbrück sagt, es seien 15.000 gewesen.