Steinbrück ist SPD-Kanzlerkandidat Mister 93 Prozent

105 Minuten Rede, elf Minuten Applaus, 93 Prozent Zustimmung. Peer Steinbrück ist SPD-Kanzlerkandidat. Mit humorig gespielter Dreistigkeit deutet er sein Ergebnis als "Orientierung" für die Bundestagswahl 2013. Doch das ist eigentlich gar nicht witzig. Wenn jetzt gewählt werden würde, käme seine Partei gerade einmal auf 28 Prozent.

93,5 Prozent. Peer Steinbrück ist zum Kanzlerkandidaten der SPD gewählt wurden. Die etwa 600 Delegierten wählten ihn auf dem Parteitag in Hannover zum Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel, die am vergangenen Wochenende an gleicher Stelle bei ihrer Wahl zur Parteichefin fast 98 Prozent erreicht hatte.

Bei 580 gültigen Stimmen votierten 542 Parteitagsteilnehmer für Steinbrück, 31 stimmten gegen ihn, sieben enthielten sich. Damit fuhr er trotz der wochenlangen Debatte um seine Nebeneinkünfte und seiner früheren Kritik an der eigenen Partei ein minimal besseres Ergebnis ein als Gerhard Schröder im Jahr 1998.

Steinbrück zeigte sich erfreut über die Zustimmung der Delegierten - und macht dann einen kleinen Witz: "Die Zahl könnte eine Orientierung für das Wahlergebnis sein", ruft er den Delegierten zu.

In seiner 105-minütigen Rede legte er den Schwerpunkt auf die Sozialpolitik. "Deutschland braucht wieder mehr Wir und weniger Ich", sagt der SPD-Politiker. Die Wähler könnten darüber entscheiden, ob es einen flächendeckenden Mindestlohn, verbindliche Frauenquoten, eine bessere Bildung eine armutsfeste Rente und erschwingliche Mietwohnungen geben solle.

"Es geht wieder um ein neues Gleichgewicht. Es geht um die Renaissance der Sozialen Marktwirtschaft. Und es geht darum, die Marktwirtschaft sehr viel stärker wieder auf das Gemeinwohl zu verpflichten", sagt Steinbrück, dem die Delegierten nach seiner Rede fast elf Minuten applaudierten.

Außerdem stellt er klar, dass er einen Regierungswechsel anstrebt: "Ich will eine rot-grüne Regierung. Ich stehe für eine große Koalition nicht zur Verfügung". Etwas ungünstig nur, dass in der Bild am Sonntag gerade ist eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Emnid veröffentlicht worden ist. Demnach kommt die Union mit 40 Prozent auf den besten Wert seit sieben Jahren. Die SPD verharrt bei mageren 28 Prozent - selbst mit den guten 14 Prozent für die Grünen dürfte das kaum für eine Neuauflage von Rot-Grün reichen.

Angriff auf die "Machtmaschine Merkel"

Steinbrück ficht das nicht an. "Wenn ich Gelb sehe, sehe ich Schwarz, und wenn ich Schwarz sehe, sehe ich Rot", sagt der designierte Kanzlerkandidat. Zugleich bittet er seine eigene Partei, sich an Spekulationen über andere Koalitionen nicht zu beteiligen.

Mit scharfen Worten attackiert Steinbrück die Kanzlerin: Die CDU sei zu einer "bloßen Machtmaschine" verkommen, aber "Machterhalt ist nicht die zentrale Aufgabe von Politik". CDU und CSU seinem zu einem reinen Kanzlerwahlverein verkommen, "die Kanzlerschaft von Frau Merkel ist der einzig übriggebliebene Markenkern der CDU".

Steinbrück kündigt an, das von der Koalition eingebrachte Betreuungsgeld bei einem Regierungswechsel abzuschaffen. Stattdessen solle der Ausbau von Kindertagesstätten und Ganztagsschulen vorangetrieben werden. Das derzeitige Steuerrecht entspreche einem "völlig überholten Rollenverständnis von Frauen, Männern und Familien", so der frühere Bundesfinanzminister. So müsse das Ehegattensplitting dringend reformiert werden. Für eingetragene Lebenspartnerschaften müsse es eine steuerliche Gleichstellung geben - genau die hatte die CDU vergangene Woche an gleicher Stelle noch abgelehnt.

Am Ende wird der SPD-Kandidat persönlich und bedankt sich für die Solidarität der Partei während der Debatte um seine Vortragshonorare. "Meine Vortragshonorare waren Wackersteine, die ich in meinem Gepäck habe und leider auch euch auf die Schultern gelegt habe", sagt Steinbrück. Er sei froh, "dass ihr mit mir diese Last getragen und ertragen habt".