Steiermark Heimat des hinkenden Vergleichs

Arnold Schwarzeneggers Karriere hat zwei Seiten: das Phänomen Schwarzenegger und das Phänomen Österreich.

Von Von Robert Menasse

(SZ vom 09.10.2003) - Der österreichische Fußballer Andreas Herzog wurde in seiner Glanzzeit als "Alpen-Maradona" bezeichnet. Hat jemals ein argentinischer Journalist Diego Maradona als "Pampas-Herzog" gefeiert? Eben. Es gibt zahllose ähnliche Beispiele, die auf trübsinnige Weise vorführen, wie das österreichische Selbstbewusstsein, wenn es jenseits der Grenze zum Größenwahn zu wildern beginnt, nur die Kehrseite eines unheilbaren Minderwertigkeitskomplexes unfreiwillig ausstellt. Ein hierarchisches Gefälle, das durch Gleichstellung aufgehoben werden soll, wird durch diese Gleichstellung erst so richtig bewusst und festgeschrieben.

Das österreichische Bundesland Steiermark, eine buchstäblich eigen-artig schöne Kulturlandschaft, wird von ihren Repräsentanten und von der österreichischen Fremdenverkehrswerbung stereotyp als "österreichische Toskana" angepriesen. Warum findet dies kein Österreicher lächerlich, obwohl selbst Österreichern die Umkehrung lächerlich erscheinen würde: dass der italienische Tourismusverband für die Toskana mit dem Slogan wirbt "Machen Sie Urlaub in der italienischen Steiermark!"

Kürbisse und Wein

Und: Prägen Eichen die Landschaft der Toskana? Ich kann nicht versichern, dass ich bei meinen Steiermark-Aufenthalten nie eine Eiche gesehen habe. Aber mir ist auch keine aufgefallen. Steiermark - dabei denkt man doch nicht an Eichen, sondern an Wein und Kürbiskernöl. Warum werden berühmte Söhne der "österreichischen Toskana" als "Eichen" bezeichnet? Warum huldigt man dem gebürtigen Steirer Arnold Schwarzenegger als "steirische Eiche" und nicht als "steirischer Pluzer"? (Ein Pluzer ist ein besonders großer Kürbis, gleichsam dessen Bodybuilder-Ausgabe).

Man muss weder in den Chor jener Österreicher einstimmen, die Schwarzenegger heroisieren, noch jene Zwischenrufe verstärken, die ihn als Idioten mit Muskeln denunzieren - im statistischen Mittel ist das Ergebnis so oder so eine idiotische Heroisierung -, interessanter ist die Frage, wieso die Österreicher einen so ausgeprägten Hang zu unumkehrbaren Vergleichen, zu Gleichsetzungen von Ungleichem haben: Emphatisch feiert Österreich die Tatsache, dass ein Immigrant Gouverneur von Kalifornien wurde, während im selben Österreich ein Volksaufstand ausbräche, wenn ein Immigrant versuchen wurde, Gemeinderat in einem steirischen Kaff zu werden.

Einer von uns draußen

In Österreich müssen Asylsuchende auf Anweisung des Innenministers auf der Straße schlafen, während der selbe Innenminister sich vor die Kamera drängt, um zu bekunden, wie stolz er auf Arnold Schwarzenegger sei. "Einer von uns draußen" - das ist unumkehrbar so eindeutig etwas anderes als "einer von draußen bei uns", dass man wahrlich keiner intellektuellen Hybris bedarf, um festzuhalten, dass offenbar weder die Bildung des Herzens noch des Denkens Bestandteil der Bewunderung von "Body-Bildung" sind.

Das Phänomen der Karriere des Österreichers Schwarzenegger hat zwei Seiten: Es besteht aus dem Phänomen Schwarzenegger und aus dem Phänomen Österreich. Über das Phänomen Schwarzenegger kann ich wenig sagen. Ich habe keinen seiner Filme gesehen, nur jenes Fernsehporträt, das am 7. Oktober in Österreich in der so genannten "Prime-Time" ausgestrahlt wurde: Es zeigte einen Schwarzenegger, der kaum noch Deutsch kann (wobei unklar blieb, ob er es je konnte), und der sein peinigendes deutsches Lallen allerdings jederzeit in ein schönes, flüssiges, selbstverständliches Englisch überführen konnte.

Das hatte allerdings insofern keine Bedeutung, als es in diesem TV-Porträt offensichtlich nur darum ging, dass der ORF-Interviewer - ein österreichischer Journalist der alten Schule: Sei unerbittlich kritisch gegenüber der Opposition, aber auftrumpfend devot gegenüber der Regierung - minutenlang nichts anderes demonstrieren wollte, als dass er mit "Arnie" per Du ist.

Steirische Probleme: Wie gut ist unser Kürbiskernöl?

Über Österreich kann ich in Hinblick auf Schwarzenegger die definitive Parabel erzählen: Unlängst berief der steirische Landeshauptmann (also der Gouverneur des Gouverneurs Schwarzenegger) eine Pressekonferenz ein, in der er mitteilte, dass das Land Steiermark eine Untersuchung in Auftrag gegeben habe, die die Qualität des steirischen Kürbiskernöls analysieren sollte.

"Das steirische Kürbiskernöl", sagte er, weise "die selben Qualitäten auf wie das beste italienische Olivenöl". Und er schloss mit den Worten - die in den österreichischen Nachrichten ironiefrei gesendet wurden -, dass man also sagen könne: "Der Kürbis ist die Olive der Steiermark!"

Schwarzenegger - das mag in den USA alles mögliche sein, und er mag dort mehr Ähnlichkeiten mit dem Gouverneur von Minnesota oder Ohio haben (wie heißen die?), als mit einem steirischen Klempner, Wirt oder Fitnesstrainer. Aber in Österreich, einem Land mit unermesslichen Kürbisäckern, ohne einen einzigen Olivenbaum, wird er gefeiert als Kürbis unter Oliven.

Ich will erst dann wieder darüber nachdenken, wenn Mike Tyson die Chance hat, österreichischer Präsident zu werden.

Vom Autor erschien zuletzt bei Suhrkamp "Die Vertreibung aus der Hölle".