Staudamm Myanmars nächstes Megaprojekt

Ein neuer Staudamm könnte Myanmar vor Überschwemmungen schützen und Geld in die klammen Kassen der autokratischen Regierung schwemmen. Doch die Bevölkerung wehrt sich.

Von Julian Kirchherr

Zum Interview kommt Saw John Bright fast eine Stunde zu spät. "Entschuldigen Sie", sagt er. "Im Moment hetze ich einfach nur von Meeting zu Meeting. Und dann dieser Verkehr." Seit knapp fünf Monaten hat John kaum noch eine freie Minute. Seitdem leitet er die Kampagne der myanmarischen Nichtregierungsorganisation Karen Environmental and Social Action Network (KESAN) gegen das Mong-Ton-Staudammprojekt, den größten jemals geplanten Staudamm in Myanmar.

Der Mong Ton ist einer von sechs Megastaudämmen, die die Regierung auf dem Fluss Saluen bauen will. Das Reservoir, das durch das Projekt entsteht, wäre vermutlich größer als Singapur. 12 000 Menschen müssten umgesiedelt werden. Dafür soll der Damm etwa 7000 Megawatt Elektrizität generieren - 1000 Megawatt mehr als der ebenfalls umstrittene und halbfertige Myitsone-Staudamm im Norden des Landes. Der Mong-Ton-Damm wäre damit einer der fünfzehn größten Staudämmen weltweit.

90 Prozent des Stroms gehen ins Ausland

Die damaligen Proteste gegen den Myitsone-Staudamm sind exemplarisch für die Befürchtungen der Bevölkerung - die nun im neuen Mong-Tong-Projekt wieder aufflammen. Der Myitsone-Staudamm war 2011 nach massiven Protesten der Bevölkerung suspendiert worden, weil er auf dem Fluss Irrawaddy errichtet wurde, der für die Bevölkerung Myanmars eine große spirituelle Bedeutung hat.

Proteste gegen Staudamm

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"Das ist die Seele unseres Landes", sagt John noch heute. "Dieser Fluss muss unberührt bleiben." Doch das war nicht der einzige Grund für die Proteste. Die Bevölkerung störte, dass 90 Prozent des Stroms, den der Damm erzeugt hätte, an die chinesische Provinz Yunnan verkauft worden wäre. Dabei hat die Hälfte der 51 Millionen Myanmarer noch keinen Zugang zu Elektrizität.

Trotz der heftigen Überschwemmungen, die vor wenigen Tagen fast 60 Tote in Myanmar und Indien forderte, gehen Beobachter davon aus, dass der Bau des Myitsone-Staudamms niemals fortgesetzt wird. Einerseits weil der Damm nicht in den von Überschwemmungen betroffenen Gebieten liegt. Andererseits zeigt eine aktuelle Umfrage der Yangon School of Political Science, dass 85 Prozent der Bevölkerung dagegen sind, das Projekt wiederaufzunehmen. Ein Problem für die Entscheidungsträger, da der Staudamm etwa eine halbe Milliarde Dollar jährlich in die Kassen gespült hätte. Das jährliche Gesamtbudget der autokratischen Regierung liegt bei gerade 19 Milliarden Dollar.

Dieses Geld fehlt nun bei den vielen, kostspieligen Projekten, die die Behörden derzeit planen - nicht nur beim neuen Staudamm. Zum Beispiel soll eine kostenlose Krankenversicherung für alle Bürger eingeführt werden. Momentan haben erst zehn Prozent der Bevölkerung Zugang zu Gesundheitseinrichtungen.

Kritiker befürchten, dass sich vor allem die Eliten über den geplanten Staudamm bereichern werden. "So ein Projekt kreiert auch Wohlstand für eine ganze Generation von Beamten", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter aus dem Büro des myanmarischen Präsidenten Thein Sein. Er will anonym bleiben.

Zwangsumsiedlungen können neue Konflikte schüren

John ist davon überzeugt, dass auch der nun geplante Mong-Ton-Staudamm der Zivilbevölkerung wenig bringt. "90 Prozent der Elektrizität soll ins Ausland nach Thailand gehen, obwohl wir den Strom in Myanmar dringend brauchen würden." Selbst in Yangon, dem industriellen Zentrum des Landes, fällt mehrmals die Woche der Strom für etliche Stunden aus. Auf den Straßen stehen alle Dutzend Meter Dieselgeneratoren, mit denen die Bevölkerung die Blackouts überbrückt. Wegen der Luftverschmutzung durch die Generatoren tragen mittlerweile immer mehr Einwohner Atemmasken.

Sorgen bereitet John, dass die geplante Talspere ethnische Konflikte im Shan-Staat wieder anheizen könnte. Myanmar ist ein Vielvölkerstaat mit mehr als 130 unterschiedliche Gruppierungen, von denen viele untereinander nicht auskommen. Wird der Damm gebaut, müssten einige Gruppen umgesiedelt werden. "Dann kann die Situation schnell eskalieren", sagt John.

Johns KESAN-Organisation kämpft nicht alleine. Rund 131 NGOs haben sich mittlerweile dem Aufruf gegen die Staudämme auf dem Fluss Saluen angeschlossen. Zudem haben Damm-Gegner 61 000 Unterschriften gesammelt. Einen so breiten und offenen Protest gab es nicht einmal gegen das verhasste Myitsone-Projekt. "Sie haben hier heute eine quicklebendige Zivilgesellschaft", sagt ein Mitarbeiter einer deutschen Stiftung in Myanmar. "Da lässt sich niemand mehr den Mund verbieten."