Statistiken zur Integration Angriff auf Sarrazins Kernkompetenz

Eine Studie der Humboldt-Universität zeigt, dass viele von Thilo Sarrazin herangezogene Statistiken zu Migranten die Wirklichkeit verzerren. Sie wurden so lange gedreht und gedehnt, bis sie passten.

Von Roland Preuß

Von den muslimischen Zuwanderern im Land haben gerade einmal 14 Prozent das Abitur. Das klingt nach einem Armutszeugnis für eine Bildungsgesellschaft wie Deutschland. Wer dagegen schon als Kind auf eine deutsche Schule gegangen ist, schafft auch als Muslim zu gut 28 Prozent das Abitur oder Fachabitur. Das ist sogar mehr als der Schnitt der alteingesessenen Deutschen, die nur zu 24 Prozent solche Abschlüsse vorweisen können. Das klingt schon viel besser. Das Verwirrende ist: Beide Zahlen stammen aus seriösen Quellen. Thilo Sarrazin allerdings hat sich in seinem Bestseller Deutschland schafft sich ab nur auf die erste, negative Zahl berufen.

Dass Statistiken gedreht und gedehnt werden, bis sie passen, ist nicht neu. Bundestagsdebatten über Arbeitslosenzahlen oder den Haushalt leben davon. Der Berliner Ex-Finanzsenator hat es dennoch geschafft, sich den Ruf des kühlen Rechners aufzubauen, der auf dem Feld der Statistik ungeschlagen blieb. "Die von mir genannten Statistiken und Fakten hat keiner bestritten", schrieb er kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität haben sich nun daran gemacht, Sarrazins Gedächtnis etwas aufzufrischen. Unter Leitung der Politologin Naika Foroutan stellen sie vielen von ihm behaupteten Negativ-Fakten ihre Positiv-Auswahl entgegen. Die 70-Seiten-Studie ist ein erfolgreicher Angriff auf die Kernkompetenz Sarrazins.

Beispiel Kopftuch: In seinem Buch spricht er von einer "zunehmenden Verbreitung" der Kopfbedeckung, die das "Wachsen der Parallelgesellschaft" anzeige. Von einer wachsenden Popularität des Kopftuchs kann jedoch keine Rede sein - zumindest nicht nach der Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, der umfangreichsten Untersuchung über Muslime im Land. Demnach trägt die zweite Zuwanderergeneration deutlich seltener das Tuch als ihre Eltern. Dass das Kopftuch langfristig verschwindet, ist damit aber auch nicht gesagt: Vielleicht werden Musliminnen mit dem Alter religiöser und folgen dann erst dem Exempel der Eltern.

Weiteres Beispiel: Aufstieg der Migranten im Bildungssystem. Hier schreibt Sarrazin, dass es über die Generationen hinweg - wenn überhaupt - bei muslimischen Familien deutlich geringere Fortschritte gebe als bei anderen Zuwanderergruppen. Dem stellt Politologin Foroutan andere offizielle Zahlen entgegen: Im Vergleich zur Gastarbeitergeneration haben im Land aufgewachsene Deutsch-Türken zu 800 Prozent häufiger Abitur oder Fachabitur. Die Verbesserung ist also deutlich - auch wenn Mängel bleiben.

Mehrheit mit gelassen-differenzierter Haltung

Erhellend auch die Reaktion des Berliner Polizeipräsidenten auf den Satz Sarrazins, in Berlin würden "20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern" begangen. Nur ein Anteil von 8,7 Prozent sei belegt, sagte der Polizeipräsident. Auch die Berliner Studie ist jedoch angreifbar: So behauptet sie mit Berufung auf die Kriminologen Dirk Baier und Christian Pfeiffer, es bestehe kein Zusammenhang zwischen muslimischer Religiosität unter Jugendlichen und Gewaltbereitschaft. Das aber haben die Forscher nie gesagt. "Damit wurde ein Teil unserer Analyse ignoriert", sagt Baier.

Welche Spuren die Sarrazin-Debatte hinterlassen hat, verdeutlichte am Montag eine weitere Untersuchung des Sachverständigenrates für Integration und Migration (SVR). Demnach glauben deutlich weniger Einheimische und Zuwanderer, dass die beiden Gruppen "ungestört miteinander leben". In beiden Fällen hat sich der Anteil der Optimisten binnen eines Jahres mehr als halbiert, während die, die "gar nicht" an ein harmonisches Miteinander glauben, bei den Migranten deutlich gewachsen ist. "Das Grundvertrauen ist beschädigt worden", sagt der SVR-Vorsitzende Klaus Bade. Immerhin zeigte die Mehrheit der gut 2000 Befragten weiter eine gelassen-differenzierte Haltung, mehr Menschen antworteten 2010 mit "teils/teils", betont Bade. Gut möglich, dass diese Gruppe im Lauf der Debatte beobachtet hat, dass das Leben mit Migranten nicht so düster ist, wie Sarrazins Zahlen es zeichnen.