Ausgerechnet er: Der Saubermann par excellence, der sich der Erniedrigten und Beleidigten annahm, Günter Wallraff soll für die Stasi in Westdeutschland geschnüffelt haben. Er weist diese Vorwürfe zurück und auch sein Verlag steht zu ihm.
"Die neuen Vorwürfe sind die alten Vorwürfe - nur, dass es ein paar Karteikarten mehr gibt", sagte Wallraff am Donnerstag. "Es hat sich nichts an der Sachlage geändert."
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Die Stasi-Unterlagenbehörde hatte zuvor in Berlin bekannt gegeben, Wallraff sei von der DDR-Staatssicherheit doch als inoffizieller Mitarbeiter erfasst gewesen. Das gehe unter anderem aus neuen Daten der so genannten Rosenholz-Datei hervor.
Hinweise auf eine aktive Tätigkeit als Stasi-Informant liegen nach dem jetzigen Stand der Aktenauswertung für den Zeitraum 1968 bis 1971 vor. Demnach wurde Wallraff 1968 als IM "Wagner" registriert und als "A-Quelle" bezeichnet. Das bedeutet, dass er andere Personen "abschöpfte". Wallraff hat bislang bestritten, für den DDR-Geheimdienst gearbeitet zu haben.
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch steht bislang zu seinem Autor. Es gebe im Augenblick keine Veranlassung an den Worten Wallraffs zu zweifeln, "dass er nicht bewusst und aktiv für die Staatssicherheit der DDR gearbeitet hat", sagte Verleger Helge Malchow.
Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit, Marianne Birthler, sagte am Mittwoch, die frühere Feststellung, es gebe keine hinreichenden Hinweise auf eine IM-Tätigkeit Wallraffs, könne "nicht aufrechterhalten werden".
Fehler in den Kennnummern verhinderten Zuordnung
Zwei Fehler in Kennnummern, die bei der Aufnahme in eine Recherchedatenbank beim US-Geheimdienst CIA und schon bei der Eingabe durch die Stasi passiert waren, hatten die eindeutige Zuordnung Wallraffs bislang verhindert, erläuterte ein Behördensprecher.
Aus der Rosenholz-Datei und dem Auskunftsbericht ergibt sich, dass Wallraff von 1967 an für die Abteilung X der für die Auslandsspionage zuständigen Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung erfasst war.
Mit Hilfe der Rosenholz-Daten konnten jetzt auch Daten des Stasi- Informationsauswertungssystems SIRA Wallraff zugeordnet werden. Eine falsche Jahreszahl, die sich bei der Erstellung der von der CIA in Auftrag gegebenen Recherchedatenbank eingeschlichen hatte (485/63 statt 485/68) und ein "R", das ein Stasi-Mitarbeiter anstelle eines Schrägstriches in einer Codierung verwendete, verhinderten bislang die Zuordnung Wallraffs zu bestimmten Berichten.
In SIRA durften nur Informationen von Personen eingetragen werden, die als IM erfasst waren. Mit Wallraffs Quellencode "HV/485/68" wurden bislang sechs Dateien aus den Jahren 1968 bis 1971 gefunden.
Berichte über Forschungsarbeiten westdeutscher Wissenschaftler
Nach der neuen Aktenlage berichtete Wallraff unter anderem über die Bayer AG Leverkusen und über Forschungsarbeiten westdeutscher Wissenschaftler. Seine Informationen wurden auch an die Sowjetunion weitergeleitet. Sie wurden mit "Vertraulichkeit 2" behandelt, was als sehr hohe Einstufung gilt.
Birthler bestätigte mit ihren Äußerungen frühere Berichte vor allem der Springer-Zeitungen Die Welt und Berliner Morgenpost über neue Beweise für eine Tätigkeit Wallraffs für die Stasi. "Es ergibt sich eine neue Lage im Fall Wallraff", sagte Birthler der Welt.
Noch vor zwei Wochen mussten die zwei Zeitungen eine Gegendarstellung Wallraffs drucken. In einer einstweilige Verfügung wurde dem Verlag untersagt, den Begriff "Stasi-IM Günter Wallraff" weiter zu verwenden.
Die Rosenholz-Datei war nach der Wende auf bislang unklare Weise in die USA gelangt. Kopien davon kamen vor einigen Wochen zurück in die Bundesrepublik und werden nun ausgewertet.
(sueddeutsche.de/dpa)
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