Standorte der NSA in Deutschland Lauschende Freunde

Der Kalte Krieg ist vorbei - die Geheimnistuerei geblieben. Etliche Horchposten, von Bad Aibling bis Schleswig, unterhielt die NSA in Deutschland. Die USA bestätigen nicht einmal, dass ihr Spionagedienst hierzulande präsent ist. Was die Abhörer tun, sagen sie schon gar nicht.

Von John Goetz, Hans Leyendecker, Frederik Obermaier und Tanjev Schultz

Im Kalten Krieg hatte Amerikas geheimster Geheimdienst, die National Security Agency (NSA), in Deutschland besonders viele Horchposten stationiert. Das Netz erstreckte sich von Bad Aibling im Süden bis Schleswig im Norden; etliche Stationen waren an der deutsch-deutschen Grenze hochgezogen worden. Insgesamt unterhielt die NSA schätzungsweise 18 Einrichtungen in der Bundesrepublik. Die abgesicherten Anlagen wurden streng bewacht. Die Aktionen blieben geheim, die Namen der Mitarbeiter anonym.

Heute hat die NSA vermutlich noch drei Standorte in Deutschland: in Darmstadt, in Wiesbaden und in Stuttgart, wo seit 2008 auch Africom, das US-Oberkommando für Militäroperationen in Afrika, untergebracht ist. In Stuttgart betreibt die NSA mit einem "Representative Europe Office" die offizielle Vertretung für Europa. Und dann gibt es immer noch das ganz große Ohr in Bad Aibling: die deutsche Filiale des amerikanisch-britischen Abhörprojekts "Echelon". Die Amerikaner haben die Station zwar vor knapp einem Jahrzehnt dem Bundesnachrichtendienst (BND) übergeben, doch der kooperiert dort weiterhin eng mit der NSA. Abgefangen wird vor allem die Kommunikation aus Afghanistan und Nordafrika.

Trotz aller politischen Wechselfälle hat sich an der amtlichen Geheimnistuerei nichts geändert. Die USA wollen nicht einmal bestätigen, dass es NSA-Stationen in Deutschland gibt. Was sie dort so treiben, ist natürlich ebenfalls Geheimsache. Dass die in Deutschland arbeitenden NSA-Leute in Ausspähprogramme wie "Prism", das in diesen Tagen so viele Schlagzeilen macht, eingebunden sind, darf angenommen werden.

Ist alles wie früher?

Wie früher belauscht die NSA Freund und Feind: "Ihre Tätigkeit in Europa wird seit einigen Jahren (zu Recht) als gegnerische Spionage empfunden", schrieben vor etlichen Jahren die Autoren des Standardwerkes "Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert", aber Konsequenzen wurden aus dieser Erkenntnis nicht gezogen. Kein Staatsanwalt legte sich mit den US-Agenten an, kein Landesamt für Verfassungsschutz und schon gar nicht das Bundesamt sammelte Informationen über die Arbeit der fremden Spione.

Wenn die deutschen Dienste angesichts von Prism oder dem britischen Gegenstück "Tempora" wirklich so ahnungslos sind, wie sie jetzt tun, hätten sie wieder einmal versagt. Oder ist alles wie früher? Der Freund ist demnach auch ein Freund, wenn er Böses oder Fragwürdiges tut, und außerdem ist er ja unheimlich behilflich.

Spitzenbeamte deutscher Sicherheitsbehörden empfanden es als Privileg, wenn ihnen die Amerikaner mal die Möglichkeit gaben, eine Abhörstation zu besichtigen. Zumindest für einen Moment sahen sie sich dann auf Augenhöhe mit dem großen Bruder. Sinnvoller wäre es vermutlich gewesen, Informanten zu gewinnen, die über die Arbeit in den deutschen NSA-Stationen hätten berichten können. In Berlin, Köln und Pullach, wo die großen deutschen In- und Auslandsnachrichtendienste residieren, gehen US-Geheimdienstler ein und aus. Sind deutsche Nachrichtendienstler auch regelmäßig Gäste in der Zentrale in Stuttgart-Vaihingen oder in Darmstadt-Griesheim, wo im "Dagger Complex" der militärische Nachrichtendienst der US-Armee seit 2004 - dem Jahr des Abzugs aus Bad Aibling - arbeiten soll?