Städte Tief durchatmen

Merkel sieht nur wenig Zusammenhang zwischen Diesel-Tricks und Luftverschmutzung.

Von Michael Bauchmüller

Entsetzt ist die Kanzlerin, mehr noch: "stocksauer". Ein "ziemlicher Scherbenhaufen" sei entstanden, durch das, "was da an Vertrauensbruch in der deutschen Autoindustrie passiert ist". So sagt das Angela Merkel beim Duell mit SPD-Kandidat Martin Schulz. Allerdings mit einer Einschränkung: Mit den Luftproblemen in Dutzenden deutschen Großstädten hat die Trickserei Merkel zufolge nur "indirekt" zu tun. "Selbst wenn diese Autos alle so Abgase ausstoßen, wie das in der Typengenehmigung gesagt wird, selbst wenn dieser Vertrauensbruch nicht stattgefunden hätte, hätten wir die Umweltprobleme außerdem noch." Ist das tatsächlich so?

Entsetzt sind nun auch Experten. "Selten so einen Unsinn gehört", sagt Axel Friedrich, einst Beamter in Regierungsdiensten und heute Schadstoff-Aktivist bei der Deutschen Umwelthilfe. Offensichtlich unterschätze Merkel, was auf den Straßen wirklich los ist. Friedrich testet selbst Fahrzeuge, im realen Betrieb. Laut Norm etwa dürfen Fahrzeuge der Euro-Norm 5 je gefahrenem Kilometer nur 180 Milligramm Stickoxid ausstoßen. Die schärfere Euro-6-Norm erlaubt nur noch 80 Milligramm. Stattdessen fand Friedrich bei einem Audi A8 mehr als 1400 Milligramm, das 18-Fache des Grenzwertes. Ein Opel Zafira überschritt ihn um das 17-Fache. Auch Fahrzeuge von Fiat, Volvo, Mercedes und BMW lieferten auf der Straße ein Vielfaches der erlaubten Werte.

Für mehr Klagerechte von Verbrauchern – etwa von Autokäufern (im Bild ein Verladeterminal in Emden) – zeigten die Kanzlerin und Martin Schulz nur einen Abend lang Sympathie.

(Foto: Ingo Wagner/AFP)

Zu ähnlichen Ergebnissen kam das deutsche Umweltbundesamt. Als die Dessauer Behörde unlängst die Emissionen von Autos prüfte, hielten die wenigsten der getesteten Fahrzeuge den Grenzwert ein. Die Behörde korrigierte deshalb die Werte für Euro-5-Autos um ein Drittel nach oben, für Euro-6-Autos um satte 92 Prozent. Mit korrekten Autos könnte also doch eine deutlichere Reduzierung der Schadstoffe drin sein, als die Kanzlerin vermutet.

"Dann wäre dieses Problem überall gelöst - selbst an den hochbelasteten Standorten."

Das legen auch frühere Prognosen für die Luftbelastung in den Städten nahe, die von normgerechten Motoren ausgegangen waren. "Nach diesen Berechnungen müsste in den Städten heute alles in Ordnung sein", sagt Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland. "Schon das zeigt, dass die Kanzlerin falsch liegt."

Das Problem betrifft vor allem die neueren Autos der Euro-Normen 5 und 6, und damit mittlerweile mehr als die Hälfte der deutschen Dieselflotte. War die - laxere - Euro-4-Norm noch großenteils eingehalten, begann mit der Einführung der strengeren Norm Nummer 5 auch das, "was da an Vertrauensbruch in der deutschen Autoindustrie passiert ist": die Manipulation der Abgaswerte. Weil die Autos für die Labortests präpariert waren, erhielten sie ihre Typgenehmigung trotz der enormen Überschreitung des Grenzwertes. Erst an den Messstationen der Städte fiel das auf. Seitdem Gerichte begonnen haben, auf saubere Luft zu pochen, gibt es ein Problem. Aber wären die Autos ohne Schummeleien wirklich sauber genug, um die Stadtluft wieder in Ordnung zu bringen? Friedrich ist davon überzeugt. "70 Prozent des Problems in den Städten geht auf den Diesel zurück", sagt er. Würden die Grenzwerte eingehalten, ließe sich dieser Anteil unter zehn Prozent drücken. "Dann wäre dieses Problem überall gelöst", sagt er. "Und das selbst an den hochbelasteten Standorten."

Die EU erlaubt in der Luft im Jahresmittel einen Höchstwert von 40 Mikrogramm Stickoxid je Kubikmeter. Dieser Grenzwert wird aber nicht in allen Städten gleichermaßen verletzt. Während etwa Städte wie Stuttgart oder München den Grenzwert um das Doppelte verfehlten, lagen andere nur knapp darüber. Von 90 Städten mit einem Stickoxid-Problem lagen 36 nur um zehn Prozent über dem Grenzwert, und in 64 Städten maßen die Stationen Belastungen von unter 50 Mikrogramm. Von den betroffenen Großstädten hat mehr als die Hälfte Messwerte unter 50 Mikrogramm. Mindestens in diesen Städten dürfte der Zusammenhang zwischen Tricksereien und überschrittenen Grenzwerten mehr als nur "indirekt" sein, wie das Merkel formuliert hat. "Das halte ich für eine sehr mutige Aussage der Kanzlerin", sagt der Mainzer Bürgermeister Michael Ebling (SPD). "Natürlich macht das teilweise einen Unterschied." Im vorigen Jahr lag Mainz im Mittel bei 53 Mikrogramm je Kubikmeter.

Auch das Umweltbundesamt ließ am Montag eilig nachrechnen, wie es um die Luft stünde, hielten alle Euro-5- und Euro-6-Autos die Norm auch im realen Straßenbetrieb ein. Nach "ersten, nur überschlägigen Abschätzungen" wären dann die Stickoxid-Grenzwerte "nur noch an wenigen vereinzelten Streckenabschnitten in Deutschland überschritten worden", sagt Marcel Langner, Experte für Luftreinhaltung bei der Behörde. "Damit wären auch deutlich weniger Menschen von Grenzwertüberschreitungen betroffen gewesen, als wir das heute tatsächlich beobachten." Und der Scherbenhaufen wäre deutlich kleiner.