Staatsoberhaupt Joachim Gauck Präsident Moses

Auch wenn manche Joachim Gauck die Kräfte eines politischen Moses zuschreiben: Der neue Bundespräsident wird Deutschland nicht in ein Pfarrhaus verwandeln. Man wünscht sich jedenfalls, nach den Erfahrungen mit den beiden Vorgängern, von Gauck nur in zuträglichem Umfang enttäuscht zu werden. Er könnte ein Präsident werden, der das sperrige Wort Zivilgesellschaft entsperren kann. Wenn das die Kraft der Freiheit ist, an die er so gern appelliert, dann könnte man sich auf ihre Wirkung freuen.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Es ist so oft gesagt und geschrieben worden, Deutschland würde nun "protestantischer", dass man nachschaut, was denn in den kirchlichen Kalendern über diesen Tag steht. Dort trägt der vierte Fastensonntag, der Sonntag also, an dem der frühere Pastor Joachim Gauck zum elften Bundespräsidenten gewählt worden ist, sinnigerweise die Bezeichnung Laetare. Das heißt: "Freut euch!" Dieses Motto ist dem Beginn der evangelischen und katholischen Liturgie dieses Sonntags entnommen.

CDU, CSU, SPD, Grüne und FDP haben dieses Motto säkularisiert. Fast alle freuen sich; die sich nicht so freuen, haben sich (es waren nicht ganz wenige) der Stimme enthalten.

Die von der pietistisch-protestantischen Herrnhuter Gemeinschaft für den Sonntag ausgeloste Bibellosung lautet: "Siehe doch, dass dies Volk dein Volk ist." Als Theologe weiß Gauck natürlich, dass Moses das zu Gott sagt und nicht umgekehrt. Aber die Losungen, welche die Herrnhuter Gemeinschaft aus der Bibel wie aus einem Steinbruch herausbricht, eignen sich auch für den staatsmännischen Scherz an einem so stolzen Tag.

Schließlich werden Gauck seit zwei Jahren, seitdem er zum ersten Mal Präsidentschaftskandidat war, die Kräfte eines politischen Moses zugeschrieben; eines Mannes also, der ein Volk in schwierigen Zeiten zu führen versteht.

Politischer Anführer, Wegweiser?

Ein politischer Anführer, ein Wegweiser? Gauck war und ist selbstbewusst genug, sich über eine solche Zuschreibung, über so hochfliegende Erwartungen herzhaft zu freuen. Er traut sich selbst diese Führung zu; und die meisten Deutschen trauen sie ihm auch zu. Man wünscht, nach den Erfahrungen mit den beiden Vorgängern Gaucks, nur in zuträglichem Umfang enttäuscht zu werden. Schon als Vortragsreisender, der er in den vergangenen Jahren war, hat sich Gauck als ein "Missionar in Sachen Demokratie" betrachtet.

Das ist gar keine schlechte Beschreibung für die Aufgabe eines Bundespräsidenten. Das kann eine gute Basis für eine erfolgreiche Präsidentschaft sein, vor allem deshalb, weil Gauck eine besondere Gabe hat: Er traut nicht nur sich etwas zu, er traut auch den Menschen etwas zu, er gibt ihnen Verantwortung. In seiner Zeit als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde hat er das gezeigt und auf die Lernfähigkeit der Menschen vertraut, auch wenn sie früher Stasi-Mitarbeiter waren. Er hat sie in seiner Behörde als Angestellte und Arbeiter beschäftigt - und ist nicht enttäuscht worden.

Gauck ist, so beschreiben ihn seine Weggefährten, ein Mann, der den Menschen Kraft zu geben vermag, weil er ihnen vertraut. Daraus auch eine gesellschaftlich wirksame Kraft zu machen - das könnte fürwahr eine präsidentschaftliche Aufgabe sein. Viele Politiker trauen ihren Wählern nicht, für sie ist das repräsentative Prinzip vor allem ein notwendiger Schutz ihres politischen Arkanums. Gauck ist da anders.

Sein Zutrauen beschränkt sich nicht darauf, den Bürgern ein paar plebiszitäre Elemente zuzugestehen. Er hält die Gesellschaft für fähig, ihre multiple Spaltung zu überwinden - die Spaltung in Arm und Reich, in Alt- und Neubürger, in Arbeitsplatz-Besitzer und Arbeitlose. Gauck glaubt daran, dass Demokratie darin besteht, Zukunft miteinander zu gestalten - und nicht darin, sie allein von den gewählten Politikern gestalten zu lassen. Gauck könnte also ein Präsident sein, der das sperrige Wort Zivilgesellschaft entsperren kann. Wenn das die Kraft der Freiheit ist, an die Gauck so gern appelliert, dann freut man sich auf ihre Wirkung.

Gauck wird Zeit haben, mehr zu tun als nur schön zu reden

Demokratie muss man lernen, immer wieder, an jedem Tag, nicht nur an Wahltagen. Gauck lehrt, ja er predigt das. Und damit ist man wieder beim angeblich so protestantischen Präsidenten. Wenn damit gemeint ist, dass da einer Gott und die Bibel zitiert, wo er geht und steht, dann ist das falsch. Das hat einst Bundespräsident Johannes Rau, der kein Theologe war, gewiss öfter getan, als es Joachim Gauck tun wird. Präsident Gauck wird das Land nicht in ein evangelisches Pfarrhaus verwandeln. Er wird die Urteile und Vorurteile nicht befriedigen, die es über den Protestantismus so gibt.

Gauck ist keiner, der die Welt für ein Jammertal hält; er ist keiner, der Arbeit als Selbstzweck und einzigen Lebensinhalt betrachtet, auch keiner, der jeden Genuss für Sünde hält. Säuerlich und trocken ist Gauck nicht, er ist ein lebensfroher Mensch. Wenn man ihn schon als Protestant beschreiben will, dann muss man ihn als barocken Protestanten beschreiben. Dazu passt sein Redestil, der das Pathos auch noch in der Bescheidenheit kennt; dazu passt die Freude an rhetorischen Prachtentfaltung, am Dekorum, an der Verzierung, die Lust am schönen Adjektiv. Wenn man tief in die Prediger-Geschichte greift, mag man sich an die Wortgewalt des katholischen Großpredigers Abraham a Santa Clara erinnern. In Gaucks kurzer, etwas spärlicher Antrittsrede blitzte das freilich allenfalls auf.

Ein Politiker, der vor der Wahl ausführlich mit Gauck geredet hat, erzählte anschließend beeindruckt: "Nach einer halben Stunde wusste ich zwar nicht, was er gesagt hat - aber es war sehr schön." Die Amtszeit dauert nun ja länger als eine halbe Stunde. Gauck wird die Zeit haben, mehr zu tun als nur schön zu reden. Das Land freut sich auf einen Präsidenten, auf den man gerne schaut.

"Ein Gewinn für die deutsche Gesellschaft"

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