Beim Besuch des indischen Premier Manmohan Singh in Washington versucht US-Präsident Barack Obama Zweifel zu zerstreuen, ihm sei Delhi unwichtig.
Die Diagnose klingt wie eine seltene Krankheit: "Eine gewisse Bush-Nostalgie" hat Teresita Schaffer bei ihrem jüngsten Besuch in Indien entdeckt. Und die langjährige US-Diplomatin, inzwischen Asienexpertin im Center for Strategic and International Studies, weiß sehr wohl, woher die indische Verstimmung rührt: George W. Bush habe der Regierung in Neu Delhi stets das Gefühl vermittelt, "dass ihm Amerikas Beziehungen zu Indien eine Herzenssache waren".
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Obama gab sich in Washington besondere Mühe, dem Gast zu schmeicheln. (© Foto: AFP)
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Obama hingegen, so weiß Schaffer, wirke auf die indische Führung nur "kopfgesteuert" - und obendrein abgelenkt. Ausgerechnet Pakistan und China, der alte Erzrivale und der kolossale Konkurrent, genießen nach indischer Deutung weit mehr Aufmerksamkeit im Weißen Haus des Barack Obama.
Obama hat verstanden. Also mobilisierte er allen Pomp und laute Trommelwirbel, als er Indiens Premierminister Manmohan Singh im East Room des Weißen Hauses empfing: "Dies ist der erste Staatsbesuch meiner Präsidentschaft", betonte Obama, nachdem die Militärkapelle die Hymnen beider Nationen intoniert hatte, "und das ist nur passend so."
Verneigung vor dem kleingewachsenen Gast
Der junge Präsident verneigte sich vor seinem kleingewachsenen Gast, der sich mit grauem Bart, blauem Turban und recht behäbigen Bewegungen stets sehr würdig zu inszenieren weiß. Und dann erwies Obama ganz Indien die Reverenz: zunächst "der Nuklearmacht", dann "der größten Demokratie der Welt" und schließlich "dem Führer in Asien und rund um die Erde".
Indien als globale Macht - da lächelte Premier Singh milde und zufrieden. Auch daheim in Neu Delhi mögen all der Lorbeer und das viele Lametta, mit dem Obamas Washington drei Tage lang den Subkontinent umgarnt, die Gemüter beruhigen. Erst eine Woche ist es her, dass Amerika dort regelrecht Misstrauen geschürt hatte. Obama weilte in Peking und hatte, nach langen Gesprächen mit den roten Machthabern, ein eher nichtssagendes Kommuniqué veröffentlicht. Darin versichern Amerika und China einander vage und beinahe beiläufig, man wolle in Südasien "zusammenarbeiten, um Frieden, Stabilität und Entwicklung zu fördern".
"Amerika ist abhängig von Chinas Geld"
Indiens politische Klasse witterte Einmischung aus dem Reich der Mitte - und kochte: "Das schafft den Verdacht, dass Obama nicht so viel an einer strategischen Partnerschaft mit Indien liegt wie noch George W. Bush", meint Lalit Mansingh, früherer indischer Außenminister. Der New York Times vertraute Mansingh an: "Unter der Oberfläche wächst der Verdacht, dass die Amerikaner Angst haben oder zu abhängig sind von den Chinesen."
Damit zielt Mansingh vor allem auf Amerikas Schulden. China besitzt US-Schuldscheine im Werte von mindestens 800 Milliarden Dollar, und in Neu Delhi zweifelt niemand daran, dass Peking die Machtposition als größter Gläubiger der USA gezielt ausspielen wird. Und zudem schadet es dem Leumund der Weltmacht, dass Amerika nicht nur ökonomisch, sondern auch militärisch Schwächen zeigt. In Afghanistan geraten US-Soldaten im Kampf gegen aufständische Taliban wieder und wieder in die Defensive - und die muslimischen Kämpfer gelten in indischen Augen als strategische Verbündete des ärgsten Feindes Pakistan.
Also geht in Delhi die Sorge um, Obama könne in seiner afghanischen Not zu viele Konzessionen gegenüber Islamabad machen. Zum Beweis verweisen indische Diplomaten etwa auf die Lageanalyse von US-General Stanley McChrystal, der sich im Spätsommer sehr kritisch zur indischen Rolle am Hindukusch äußerte: "Der wachsende indische Einfluss dürfte wahrscheinlich die regionalen Spannungen verschärfen und Pakistan zu Gegenmaßnahmen ermuntern." Welche "Gegenmaßnahmen" der US-Kommandeur sich da ausmalt, blieb offen. Aber fast genau ein Jahr nach den Terroranschlägen von Mumbai, hinter denen pakistanische Drahtzieher steckten, wuchern indische Verschwörungstheorien.
Und auch Pakistan hat seine Alpträume. "Unsere Sorge ist, dass sich in Kabul eine pro-indische Regierung festsetzt", bestätigt etwa Jajam Sethi, Sicherheitsexperte und Chefredakteur der Daily Times in Lahore. Personifiziert wird diese Angst von Hamid Karsai, dem afghanischen Präsidenten, der lange Jahre im indischen Exil lebte. "Karsai lässt die Inder gewähren, sogar am Aufbau eines afghanischen Geheimdienstes wird Neu Delhi beteiligt", sagte Sethi bei einer Konferenz des German Marshall Funds.
USA steht in Afghanistan zwischen Indien und Pakistan
Tatsächlich bestätigen US-Diplomaten, dass Pakistan verlangt habe, Washington solle Indiens Einfluss eindämmen, und darauf hinwirken, dass Indien seine Entwicklungshilfe an Afghanistan einstelle. Soweit geht die Obama-Regierung nicht. "Wir begrüßen Indiens bedeutende und positive Rolle in Afghanistan, einschließlich der Bereitstellung von 1,2 Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe", gab vorige Woche William Burns, der dritte Mann im State Department, zu Protokoll.
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(SZ vom 25.11.2009/yas)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Siehe Zitate oben im Artikel: "Und dann erwies Obama ganz Indien die Reverenz: zunächst "der Nuklearmacht", dann "der größten Demokratie der Welt" und schließlich "dem Führer in Asien und rund um die Erde".
Indien als "Führer rund um die Erde" - irgendwie hat Obama noch die Rolle Indiens im Universum vergessen. Der "Maulheld" ist eine Figur des amerikanischen Wilden Westens. In etwas verwässerter Form heute noch lebendig in der am. Alltagskultur. So auch bei Obama: das überzogene Wortgeklingel wie üblich. Obama entlohnt wie Till Eulenspiegel mit dem Klang der Münze.Und alle (sollen) denken, das so sei gut wie echtes Geld.