Von Oliver Meiler

China half Sri Lanka beim Sieg über die Tamilen-Rebellen und baute damit seinen Einfluss in der Region auf Kosten des Rivalen Indien aus.

Nun, da sich der Rauch über dem Schlachtfeld im Nordosten Sri Lankas legt, da die tamilischen Kriegsflüchtlinge in Lagern der Regierung ihres unsicheren Schicksals harren und die internationale Gemeinschaft sich fragt, wie sie die Kriegssieger in Colombo zu Versöhnungs- und Kompromissbereitschaft drängen kann, wird eine Erkenntnis immer deutlicher: China hat eine zentrale Rolle beim Sieg der srilankischen Armee über die tamilischen Rebellen gespielt - so zentral, dass die indische Zeitung Times of India nach der offiziellen Verkündung des Kriegsendes diese Woche titelte: "Indien will den Einfluss Chinas in Sri Lanka kontern." Doch dafür könnte es schon zu spät sein.

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Militärs, Mönche und Zivilisten beten für die toten Soldaten. (© Foto: AP)

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Indien und China, die beiden aufstrebenden und rivalisierenden Großmächte Asiens, liefern sich seit einiger Zeit einen Wettlauf um politischen Einfluss, um die Sicherung von Energiequellen und um möglichst freien Zugang zu den großen internationalen Handelsstraßen - und das überall in der Region: im Indischen Ozean wie im Arabischen Meer. Die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre in Sri Lanka waren ein anschauliches Beispiel für diese Kraftprobe.

Beispiel für eine Kraftprobe

Peking ist in dieser Zeit zum wichtigsten militärischen und wirtschaftlichen Partner Colombos geworden. Die geografische Distanz war dabei sekundär: Indien trennt nur eine Meerenge von Sri Lanka, zwischen China und der Insel liegen hingegen tausende Kilometer. Doch ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums wurde in den vergangenen Tagen mit den bemerkenswerten Worten zitiert: "Als freundschaftlicher Nachbar hatte China immer ein aufmerksames Auge auf die Entwicklungen in Sri Lanka." Er meinte wohl eher die politische als die physische Nachbarschaft.

Allein im Jahr 2008 überwies China Hilfsgeld in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar nach Sri Lanka - mehr noch als Japan, der andere große Alliierte in der Region. Zum Vergleich: Die USA schickten nur 7,4 Millionen Dollar. In Hambantota, einer Stadt an der Südostspitze Sri Lankas, baut China für eine Milliarde Dollar einen neuen, großen Hafen - eine weitere Perle in seiner "Perlenkette". So nannte das US-Verteidigungsministerium vor einigen Jahren in einer Studie die Strategie Chinas, sich wichtige Häfen in der Region zu sichern. Die Bauarbeiten in Hambantota begannen vor eineinhalb Jahren, just zum Auftakt der Offensive des srilankischen Militärs gegen die Tamil Tigers.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie treffend das Bild der "Perlenkette" ist. Indien bildet dabei gewissermaßen den Nacken, um den sich die Kette legt. In Birma baut China den Hafen von Sittwe, in Bangladesch jenen von Chittagong. In Pakistan entstand mit chinesischem Geld der Hafen von Gwadar am Eingang zum Persischen Golf.

Kommerzielle Ziele

In allen diesen Fällen verfolgt die Regierung in Peking nach eigenem Bekunden rein kommerzielle Ziele. Vor den Gestaden des birmanischen Sittwe etwa werden gigantische Felder mit Erdgas vermutet, das China fördern und mit einer Pipeline quer durch Birma in seine Provinzen im Südwesten pumpen möchte. Indien ist an diesem Gas genauso interessiert. Doch China hat die besseren Karten. Parallel zur Gasleitung plant es eine direkte Autobahn, welche die chinesische Stadt Kunming in der Provinz Yunnan an den Indischen Ozean binden soll. Das wäre dann eine direktere Alternative zur Handelsroute über die Straße von Malakka, die Meerenge zwischen Indonesien und Malaysia, das Nadelöhr zwischen Ost und West viel weiter südlich.

Militärexperten aber zweifeln an den alleine kommerziellen Absichten Pekings. Alle diese strategischen Häfen ließen sich auch als militärische Stützpunkte nutzen, sagen Fachleute.

In Sri Lanka profitierte China von der Verlegenheit Indiens, das wegen seiner großen tamilischen Bevölkerung und wegen traumatischer historischer Ereignisse offiziell dazu neigt, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Rajiv Gandhi, der frühere Premierminister Indiens, war 1991 von einer Selbstmordattentäterin der Tamil Tigers getötet worden, weil er einst eine Friedenstruppe nach Sri Lanka entsandt hatte. Vor allem verzichtete Delhi nun darauf, Waffen nach Sri Lanka zu liefern. China sprang daraufhin in die Bresche und verkaufte Colombo modernes Kriegsmaterial und Kampfflugzeuge. Peking setzte sich auch dafür ein, dass srilankische Piloten in Pakistan ausgebildet werden konnten.

Als dann Anfang des Jahres, angesichts der vielen zivilen Opfer des Krieges im Norden der Insel, der Druck der Weltöffentlichkeit auf die Regierung in Colombo immer größer wurde, half Peking auch mit diplomatischen Mitteln: Zusammen mit Japan und Russland verhinderte China im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, dass der Verbündete hart angefasst wurde.

Colombo musste also trotz vieler Appelle von Hilfsorganisationen, Menschenrechtsgruppen und westlichen Regierungen zu keinem Zeitpunkt befürchten, dass es mit internationalen Sanktionen oder Resolutionen konfrontiert würde. Präsident Mahinda Rajapakse fühlte sich derart stark gestützt von China, dass er die Außenminister Frankreichs und Großbritanniens, Bernard Kouchner und David Miliband, abblitzen ließ. Rajapakse verabschiedete die Minister, die ihn vor Kriegsende zu einer Feuerpause bewegen wollten, um die eingekesselten Zivilisten zu retten, mit den Worten: "Ich habe den Auftrag, mein Volk vor den Terroristen zu beschützen. Wir lassen uns vom Westen nicht belehren." Den Osten hatte er schon auf seiner Seite. Vor allem das stille China.

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(SZ vom 22.5.2009)