Von Thorsten Denkler

Wie eine Bronze-Plastik dem Altkanzker die Endlichkeit des Seins vor Augen führt - und der Springer Konzern nun in Berlin Rudi Dutschke etwas entgegen setzt.

Er werde nichts sagen zu dem Werk, sagt Kohl. Kein Wort darüber, ob sie ihm gefällt, die überlebensgroße Bronze-Büste, die der französischstämmige Bildhauer Serge Mangin von ihm gefertigt hat. Der Axel-Springer-Verlag hat das Werk in Auftrag gegeben. Eine Danksagung an den "Kanzler der deutschen Einheit", wie es unten auf den Sockel graviert ist.

Bild vergrößern

Ex-Kanzler Helmut Kohl vor seiner Bronze-Büste des Künstlers Serge Mangin (© Foto: dpa)

Anzeige

Das Denkmal wurde gestern, am Vorabend des Einheitsfeiertages, in den Passagen des neuen Springer-Komplexes an der ehemaligen Kochstraße in Berlin enthüllt. Verlagschef Mathias Döpfner sagte ein paar Worte, erinnerte an den Weitblick des einstigen Konzernlenkers Axel Springer, der schon früh die deutsche Einheit beschwor. Und zitierte aus einer Ausgabe des Stern von 1984, in der Kohls Traum von der Einheit als gefährlich gebrandmarkt wurde. Die Botschaft: Wir, die Guten. Da die Bösen, die Ignoranten. "Die wahren Realisten", wird Kohl später sagen, "sind die Visionäre."

Die gegossene Ewigkeit

Das Werk, monumental. Kein Kragen ziert den Hals, keine Krawatte, nackte Haut. Christoph Stölzl, in der Union für die Abteilung Kultur gebucht, laudierte dem Künstler und dem Kanzler, von dem die Menschen sagen sollen, "das ist doch mein Helmut Kohl", wenn sie dessen Büste in den Springerpassagen entdecken. Eingeklemmt ist sie zwischen der mondän-offenen "Mittel Bar" und dem Berliner-Schnauze "Kabarett Kartoon". Heute auf dem Programm: "Auf schlimmer und ewig?! oder: entMüntigt und ausgeMerkelt."

Monumentalität sei auch ein Sinnbild für die Einsamkeit der Macht, sagte Stölzl. So gesehen kein schlechter Standort für die Büste.

Es war dann dieser Satz, den Kohl mit seiner brüchig gewordenen Stimme in die Mikrophone brummte: Dass nämlich die Büste einen Teil des Lebens symbolisiere, den er "noch nicht akzeptieren" wolle. Der Satz ließ erahnen, dass diesem "Urbild des Vertrauens", diesem "Urbild der Macht" (Stölzl) nicht ganz wohl war im Angesicht seines bronzenen Angesichts. Hier die lebende Endlichkeit, dort die gegossene Ewigkeit.

Auf die Nerven gegangen

Am Pult stand ein Mann, der dem Verfall nicht mehr ausweichen kann. Zwei Männer müssen ihm unter die Arme greifen, damit Kohl aus dem Stuhl hoch kommt. Eine Krücke hilft ihm, sich Schritt für Schritt fortzubewegen. Immer an seiner Seite, seine 33 Jahre jüngere Lebensgefährtin Maike Richter, mit der er sich erstmals zur Feier seines 75. Geburtstages vor zwei Jahren öffentlich sehen ließ. Er wirkt noch älter neben ihr. Auch wenn er sich jünger fühlen mag.

Zur Büste also will er nichts sagen. Er müsse sich wohl erst noch an die gewöhnen. Nur so viel: Der Künstler sei ihm ganz schön "auf die Nerven gegangen". Was erstmal für den Künstler spricht. In einem kleinen Tagebuch über die Arbeit an und mit Helmut Kohl, sagt Mangin, Kohl habe ihn zuweilen an einen Bären erinnert, "der nicht erahnen lässt, ob er spielen oder mich auffressen will."

Statt des Werkes lobt Kohl den Ort, an dem das Werk von nun an stehen wird, hier, mitten in Berlin. Kohl erinnert sich an ein Telefonat mit Francois Mitterrand, dem früheren französischen Staatspräsidenten. Der habe ihn 1991 angerufen, als es im Bundestag gerade darum ging, ob Berlin Hauptstadt werden solle. Mitterrand riet dringend dazu. Europa mit bald 25 bis 30 Mitgliedsstaaten benötige eine starke Hauptstadt weit östlich der Elbe.

Ein politisches Statement

Die Büste steht jetzt kaum einen Katzensprung entfernt vom ehemaligen Todesstreifen, der die Stadt in Ost und West trennte. Springer hatte das Verlagshochhaus hier einst sehr bewusst direkt an der Berliner Mauer errichten lassen. Ein Fanal gegen den Unrechtsstaat DDR. Weithin sichtbar, auch im Osten der Stadt. Heute ist dem Hochhaus eine Passage vorgesetzt, eine Shopping-Mall mit angeschlossenem Verlagshaus. Na ja, ist zumindest besser als die Mauer.

Verlagschef Mathias Döpfner sagte, dass die Büste an dieser Stelle auch ein "politisches Statement" sei. Das gelte auch heute noch. Die Kochstraße heißt seit kurzem Rudi-Dutschke-Straße, benannt nach dem intellektuellen Führer der 68er Studentenbewegung.

Die linke tageszeitung hatte den Namen in einer erfolgreichen Kampagne durchgesetzt. Mit der Büste, sagt Döpfner, "haben wir auch Rudi Dutschke im Blick und im Griff." Ein Zusammenhang, der Kohl als politische Degradierung erscheinen musste - wenn auch eine ungewollte.

Es gibt stehenden Applaus für Helmut Kohl. Keiner hier, der Kohl nicht für einen ganz Großen hält, der nicht zugestimmt hätte, als Döpfner von "Verehrung und Dankbarkeit" sprach für den Mann, der den Deutschen ein Geschenk gemacht habe, das "es ohne ihn so nie gegeben hätte: Die deutsche Einheit". Zum Abschluss spielten vier Streicher Variationen des Kaiserquartetts von Joseph Haydn - die Melodie der Nationalhymne also.

Dann geht Kohl ab, quält sich noch durch die Phalanx der Fotografen nach draußen, wehrt die Radioleute mit ihren Mikrophonen ab und lässt sich an der Rudi-Dutschke-Straße auf den Beifahrersitz seines schweren Mercedes fallen. Von hier ist die Büste nicht zu sehen. Das ist ihm vielleicht gar nicht so unrecht.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)