Von J. Schloemann

Die Kanzlerin befürwortet türkische "Auslandsschulen". Damit besänftigt sie zwar Erdogan - doch langfristig schadet Harmoniesucht der Debatte um Zweisprachigkeit.

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Es ist gut, mehrere Sprachen zu beherrschen. Es ist nicht gut, die Sprache des Landes, in dem man lebt, nicht zu beherrschen.

Angela Merkel, Tayyip Erdogan, AFP

Zum Abschied Versöhnliches: Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, dass sie nichts gegen türkische "Auslandsschulen" in Deutschland hat. Den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan (rechts) dürfte dieses Zugeständnis freuen. (© Foto: AFP)

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Diese beiden Feststellungen sind weder besonders progressiv oder konservativ noch besonders ausländerfreundlich oder ausländerfeindlich. Sie sind bloß vernünftig. Alle müssten sich darauf einigen können: die Familien, die Schulen, die Politik.

Doch im Austausch zwischen Angela Merkel und dem türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan über die Sprachenfrage an deutschen Schulen ist wieder einiges durcheinandergeraten.

Gezieltes Aneinander-Vorbei-Reden

Vor zwei Jahren hatte Erdogan in Köln die widersprüchliche Botschaft verkündet, türkische Einwanderer sollten einerseits möglichst im Kindesalter Deutsch lernen, andererseits sei "Assimilierung" aber ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wobei offen gelassen wurde, wer dieses Verbrechen in Deutschland verübt oder zu verüben droht.

Sodann hatte Erdogan vor ein paar Tagen, vor Merkels Türkeibesuch, in einem Interview gesagt, in Deutschland müsse besser dafür gesorgt werden, dass die türkischstämmigen Kinder "zunächst die eigene Sprache beherrschen", was "leider selten der Fall" sei, und deswegen sollten in Deutschland mehr türkische Schulen gegründet werden.

Die Bundeskanzlerin hat nun darauf in Ankara in einem Akt bewusster Konzilianz geantwortet, die Türken in Deutschland sollten zwar Deutsch lernen, aber selbstverständlich könne es türkische "Auslandsschulen" geben, so wie es "überall auf der Welt" ja auch deutsche Auslandsschulen gebe.

Inseln kultureller Abgeschiedenheit gibt es immer

Damit aber redet man zugunsten einer harmonischen Besuchsatmosphäre gezielt aneinander vorbei. Denn um "Auslandsschulen" geht es natürlich überhaupt nicht: Auslandsschulen sind elitäre Einrichtungen für die diplomatisch-wirtschaftliche Diaspora. Die Einrichtung solcher Spezialschulen ist angesichts der Bildungsschwierigkeiten in den deutschen Großstädten eine ganz periphere Frage.

Nein, eigentlich geht um etwas anderes: Wie das gewachsene Sprachproblem auf die eine oder andere Weise in der großen Fläche des Landes gelöst werden kann; und ob dieses Problem soziale, kulturelle oder politische Ursachen hat.

Zunächst muss man feststellen, dass ein liberaler Staat auch die Nichtbeherrschung der Landessprache durch bestimmte Einwanderergruppen aushalten muss. Diese Gruppen sind durch ökonomische Ungleichheiten und welthistorische Veränderungen hinzugekommen, ob es nun Kriege waren oder ein Wirtschaftswunder.

Gewisse Inseln kultureller Abgeschiedenheit, die die Abwesenheit der Heimat erträglicher machen, gibt es immer; und von der deutschen Politik oder auch Nicht-Politik ist solche Segregation bekanntlich lange befördert oder hingenommen worden.

Wenn aber nun, wie in Deutschland, Millionen Einwanderer über Generationen in einem Land ohne besondere Vielvölkertradition heimisch werden, dann kommt ihre Partizipation einfach nicht ohne die Landessprache aus. Das ist nunmehr in allen politischen Lagern akzeptiert, alles andere ist erledigte Ideologie und Realitätsverweigerung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum es falsch ist, wenn Erdogan fordert, dass türkischstämmige Kinder zunächst Türkisch lernen sollen.

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