Spitzenkandidaten für Bundestagswahl 2013 Die Einsamkeit der Linken

Sahra Wagenknecht würde wollen, aber das will Gysi nicht. Gysi würde Lafontaine wollen, aber der will nicht. Ob Katja Kipping wollen würde, ist nicht gewiss. Die Linken müssen bei ihrer Kandidatenkür aufpassen, dass es in der Partei nicht doch noch zu jenem Bruch kommt, der bisher vermieden werden konnte.

Ein Kommentar von Daniel Brössler

Die SPD steht vor der Herausforderung, einen vermögenden Kanzlerkandidaten mit einem mitfühlenden Image zu versehen. Die Grünen haben die Aufgabe, nach der Kür ihres Spitzenduos die Architektur der Macht in der Partei vorsichtig neu auszutarieren. Glücklich allein die Linke: Als einzige der Oppositionsparteien belastet sie sich bislang nicht mit Spitzenkandidaten. Die, sagt Geschäftsführer Matthias Höhn, würden ohnehin überschätzt.

Im wirklichen Leben ist das Problem der Linken immens. Nachdem es ihr beim Göttinger Parteitag gelungen ist, ohne Bruch eine neue Führung zu bestimmen, hat sie die Frage der Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl in möglichst weite Ferne gerückt. Erst nach der Landtagswahl in Niedersachsen im Januar soll die Entscheidung fallen. Das passende Mantra dazu lautet, es gebe keinen Grund zur Eile.

Offenkundig gibt es einen wichtigen Grund zur Weile. Entweder fürchtet die Linke, dass die Art der Kür die ohnehin trüben Aussichten in Niedersachsen verschlechtern könnte. Oder aber die möglichen Spitzenkandidaten fürchten, dass ein miserables Abschneiden im Norden auf ihr Konto gehen würde. Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem.

Die Ausgangslage der Linken ist dabei nicht vollständig anders als die der Grünen. Auch die Führungsriege der Linken hat größte Schwierigkeiten, sich neben einem gesetzten Kandidaten (Gregor Gysi) auf eine Spitzenfrau oder einen weiteren Spitzenmann zu verständigen, wobei der Kreis der Bewerber deutlich kleiner zu sein scheint als bei den Grünen. Sahra Wagenknecht würde wollen, aber das will Gysi nicht. Gysi würde Lafontaine wollen, aber der will nicht. Ob Katja Kipping wollen würde, ist nicht gewiss.

Die Linken müssen - ein weiterer Unterschied zu den Grünen - überdies aufpassen, dass es über die Kandidatenkür nicht doch noch zu jenem Bruch kommt, der mit der Wahl von Katja Kipping und Bernd Riexinger vermieden werden konnte. Bislang ist es den beiden gelungen, die Partei zur Ruhe zu bringen. Sie sind aber bei Weitem noch nicht in der Position, die Linke wirklich zu führen. Beider Avancen in Richtung Rot-Grün waren nicht ungeschickt, mussten aber verpuffen angesichts der ungeheuren Distanz zu den potenziellen Koalitionspartnern. Die Linke spricht gern von Alleinstellungsmerkmalen, man kann es auch Einsamkeit nennen.

Bei der Kandidatenkür kommt nun alles auf Gysi an. Entscheidet er sich für die Ein-Mann-Variante, verärgert er die Frauen und den Westen. Akzeptiert er nun plötzlich doch Wagenknecht als Co-Kandidatin, steht er gedemütigt und geschwächt da. Gelingt es ihm unerwartet, trotz des großen Krachs von Göttingen Lafontaine zu überzeugen, wird die Rede sein vom Duo der alten Männer. Offiziell sind es die Parteichefs, die dem Vorstand die Spitzenkandidaten vorschlagen. Für kreative Lösungen aber ist ihr Spielraum zu begrenzt. Also doch noch eine Urwahl? Dafür fehlen Zeit, Mut und vermutlich die Kandidaten.