Spitzel-Skandal belastet Beziehungen zwischen Washington und Peking China nimmt mutmaßlichen US-Spion fest

Chinesische Behörden haben Medienberichten zufolge einen mutmaßlichen CIA-Agenten festgenommen: Der Mann soll Zugang zur Spitze der größten chinesischen Geheimdienstbehörde gehabt haben. Offenbar berichtete er an die Amerikaner, weil sie ihn mit erotischen Fotos erpressten.

Die chinesischen Behörden haben nach Medienberichten aus den USA und Hongkong einen mutmaßlichen US-Spion festgenommen. Wie die New York Times am Freitag unter Berufung auf informierte Kreise berichtete, soll es sich um einen ranghohen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in Peking handeln. Die Festnahme erfolgte den Angaben zufolge bereits Anfang des Jahres.

Das in Hongkong erscheinende Magazin New Way berichtete, der Festgenommene habe als Sekretär eines Vizeministers im Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet, der größten Geheimdienstbehörde Chinas. Der Vizeminister, dessen Name das Magazin nicht nannte, sei vom Dienst suspendiert worden. Dem Magazin zufolge wurde der mutmaßliche Spion während seines Studiums in den USA vom US-Geheimdienst CIA angeworben.

Nach Angaben der BBC, die sich ebenfalls auf New Way beruft, sei der Mann in eine "Pretty-Woman-Falle" der CIA getappt und anschließend mit den erotischen Fotos seiner Affäre erpresst worden,.

Der Zeitschrift zufolge handelt es sich um den größten bekanntgewordenen Spionagefall zwischen Washington und Peking, seit im Jahr 1985 der Geheimdienstmitarbeiter Yu Qiangsheng zu den USA überlief. Es sei "unglaublich", dass der mutmaßliche Spion der Sekretär eines Vizeministers gewesen sei, "der mit Chinas Top-Geheimnissen betraut ist", schrieb das Magazin aus Hongkong.

"Alle vertraulichen Dokumente, die an den Vizeminister geschickt werden, gehen zuerst durch die Hände des Sekretärs." Der chinesische Staatschef Hu Jintao sei "schockiert und wütend" über den Vorfall, berichtete New Way. Er habe eine umfassende Untersuchung angeordnet.

US-Außenministerin Hillary Clinton wollte sich am Freitag bei einem Besuch in der norwegischen Hauptstadt Oslo nicht zu dem Bericht äußern. Auch das Außenministerium in Washington und das Präsidialamt lehnten eine Stellungnahme ab.

Schwierige Phase zwischen USA und China

Die New York Times schrieb, die Festnahme sei in einem Zeitraum erfolgt, in dem sich die Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei (KP) Chinas und den USA in einer schwierigen Phase befunden hätten.

Im Februar hatte der damalige Polizeichef der Millionenstadt Chongqing, Wang Lijun, das US-Konsulat in Chengdu aufgesucht, um vertrauliche Informationen über den KP-Chef in Chongqing, Bo Xilai, und dessen Frau Gu Kailai vorzulegen. Die chinesischen Behörden verdächtigen Gu der Beteiligung an der Ermordung eines britischen Geschäftsmanns.

Welche Informationen der festgenommene mutmaßliche Spion den USA übermittelte, ist laut New York Times unklar. Ein US-Regierungsvertreter, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte, die chinesischen Behörden hätten den Mann im Zuge der Enthüllungen festgenommen, die durch die Affäre um Bo ans Licht kamen.

Die Ermittlungen hätten sich über Bo hinaus auf das Ministerium für Staatssicherheit ausgeweitet. Wegen des Missbrauchs von Sicherheitsbehörden und Korruption werde gegen zahlreiche Beamte ermittelt. Bo wurde im März seines Amts als KP-Chef in Chongqing enthoben. Wenig später wurde er wegen mutmaßlicher "schwerer Disziplinarvergehen" vom Politbüro ausgeschlossen.

Der Politiker hatte sich vor allem im Kampf gegen Korruption und als Vertreter des linken KP-Flügels einen Namen gemacht und galt in der Bevölkerung als äußerst beliebt.