In der alten Bundesrepublik verdienten sich viele dank DDR ein Zubrot: Sie waren Spione für die Stasi. Polizist Kurras ist nur der Prominenteste.
Das Ministerium für Staatssicherheit in Ostberlin grübelte gelegentlich über die Motive des Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) Otto Bohl alias Karl-Heinz Kurras. Geld, so steht es in einer "Einschätzung" vom 28. März 1960, habe er "nie gefordert", aber bei "Zuwendungen noch nie dagegen Stellung" genommen: "Er nimmt sie also gern in Empfang, was für ihn eine Erhöhung seines Lebensstandards" bedeutet.
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(© Foto: ddp)
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Anfangs, also Mitte der fünfziger Jahre, hat der Westberliner Spitzelpolizist umgerechnet 25 Euro im Monat erhalten, am Ende, also Mitte der sechziger Jahre, waren es umgerechnet 250 Euro im Monat, plus Prämien für besondere Einsätze.
Alles in allem soll er über die Jahre umgerechnet zehntausend Euro Agentenlohn von der Stasi bekommen haben. Für die damalige Zeit keine geringe Summe, andererseits aber alles andere als ein Spitzenlohn.
Warum Westdeutsche überhaupt für Ostberlin spionierten, ist von dem Stasi-Exegeten Georg Herbstritt anhand von Prozessakten in rund 500 Fällen untersucht worden. Geld spielte in Fällen schon eine Rolle. Bei etwa jedem sechsten IM sei Geld das "ausschlaggebende, dominierende oder gar alleinige Einstiegsmotiv" gewesen. "Zwischen achtzig und neunzig Prozent" der West-IM hätten einen "regelmäßigen Agentenlohn erhalten, der mehr abdeckte als nur die entstandenen Unkosten". Nur etwa jeder zehnte Westagent spionierte ohne Entlohnung oder geldwerte Vorteile wie Urlaubsreisen oder Geschenke.
In den meisten Fällen habe das Geld als Motiv im Lauf einer Agentenkarriere an Bedeutung gewonnen, während die politische Überzeugung "der Ernüchterung des profanen Alltags gewichen" sei, fand Herbstritt heraus.
In der Korruptionsforschung wird dieses Phänomen mit dem schönen Begriff "Anfüttern" umschrieben. Man gewöhnt sich ans schmutzige Geld, denn es stinkt nicht.
Ein Sachbearbeiter im Bundesverteidigungsministerium, der eine wichtige Quelle für die Auslandsspionage der DDR war, erhielt pro Jahr umgerechnet 20.000 Euro. Er hatte sogar Zugriff auf ein Nummernkonto in der Schweiz. Die frühere Frauenbeauftragte einer Stadt in Hessen und ihr Ehemann erhielten in 17 Jahren umgerechnet 250.000 Euro, obwohl sie nichts Wesentliches zu berichten wussten. Rätselhafte Staatssicherheit.
Ein Bonner Journalist, der auf Wunsch der Stasi bei der NPD anheuerte, bekam für diesen Einsatz ein erhöhtes Grundgehalt. Im Lauf seiner Zeit ist er auf einen Agentenlohn von umgerechnet 420.000 Euro gekommen; das hätte er bei seinem mangelnden Talent mit Schreiberarbeit nicht geschafft. Nur wenige Agenten erreichten insgesamt mehr als eine halbe Million Euro.
Die Staatssicherheit, so Herbstritt, habe "den Faktor Geld sehr flexibel" eingesetzt. Mancher West-IM kassierte das Geld und gab es nicht aus, weil er dem Ehegespons nicht hätte klarmachen können, aus welchen Quellen es stammte. Die Schätze wurden gelegentlich nach der Wende bei Hausdurchsuchungen entdeckt und auch der westdeutsche Fiskus interessierte sich manchmal für die Quellen.
Vor ein paar Jahren erhielt ein ehemaliger westdeutscher Verfassungsschützer, der ein Spitzenagent war, monatlich rund 2000 bis 2200 Euro plus Sonderzulagen und Spesen kassiert hatte und insgesamt umgerechnet rund 340.000 Euro von denen da drüben erhalten haben soll, von seinem Finanzamt eine Forderung über rund 270.000 Euro einschließlich der in solchen Fällen üppigen Säumniszuschläge.
Aus Sicht des Finanzamtes West hat der Agent eine selbständige Tätigkeit ausgeführt und war folglich für den Zusatzlohn steuerpflichtig. Aus Sicht der früheren Staatssicherheit Ost war der Agent Arbeitnehmer der DDR. Sein Ostberliner Arbeitgeber habe selbstverständlich die Lohnsteuer an die zuständige Kreisverwaltung abgeführt.
Alles musste schließlich seine Ordnung haben. "Tendenziell spielten materielle Interessen in der Wirtschaftsspionage sowie unter den West-IM aus den Bereichen Militär und Polizei eine größere Rolle als im Bereich der politischen Spionage", analysiert Herbsritt. Noch im November 1988 hat einer der Großen der Staatssicherheit über die "Dominanz finanzieller Motive der West-IM" in der für Leute wie Kurras/Bohl zuständigen Hauptabteilung einen Fachvortrag gehalten.
Die Stasi wusste, dass ihr Agent mit dem Decknamen Bohl das Geld für Munition brauchte. Als "Schießfanatiker" charakterisierte sie den Mann, der zu einem Treff mit einem Verbindungsmann sogar seinen Dienstrevolver mitbrachte und die Waffe vorführte.
Ausweislich eines Stasi-Berichts aus den Januartagen des Jahres 1967 ist Kurras belehrt worden, "gut durchdacht und überlegt mit den Zuwendungen umzugehen". Er soll erklärt haben, er sei "in dieser Hinsicht gut abgesichert und eine Kontrolle" sei "schwer möglich, weil er das Geld für Munition" brauche.
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(sueddeutsche.de/gba)
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