Ein Skandal um überzogene Spesenrechnungen erschüttert die britische Politik: Ein Justiz-Staatssekretär wird abberufen, sowohl Tories als auch die Labour-Partei stürzen in den Umfragen ab.
Jetzt hat es den parlamentarischen Staatssekretär des Justizministerums Shahid Malik erwischt. Und wieder rätseln die Briten, was einen Politiker eigentlich umtreibt, dass er ein Heimkino-System für 1500 Euro, einen Kamin für 750 Euro und einen Massage-Sessel für 820 Euro auf seine dienstliche Spesenrechnung setzt - und somit den Steuerzahler dafür aufkommen lässt.
Staatssekretär Shahid Malik bei einem Pressegespräch in seiner Wohnung in Dewsbury. Die Einrichtung seiner Zweitwohnung in London ließ er mit Steuergeldern bezahlen. (© Foto: Reuters)
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Der Daily Telegraph knüpft sich seit vergangener Woche jeden Tag einen anderen Politiker vor. Die Zeitung ist im Besitz einer Diskette, die aus einem Parlamentsbüro gestohlen wurde. Der Inhalt: Die Spesenabrechnungen der vergangenen vier Jahre von sämtlichen 646 Abgeordneten des Unterhauses. Die meisten haben gesündigt, viele bewegen sich am Rande der Legalität, einige überschreiten die Grenze zum Betrug.
Malik hatte nach Informationen des Daily Telegraph für seinen Zweitwohnsitz in London 67.000 Pfund (75.000 Euro) an Staatsgeldern kassiert, während er für seinen angeblichen Hauptwohnsitz in seinem Wahlkreis eine außergewöhnlich niedrige Miete von unter 100 Pfund bezahlt habe. Er betonte laut der Londoner Times Online, er habe nichts Falsches getan. Er wollte sich deshalb nicht entschuldigen, bot aber an, die Kosten für das Heimkino-Kinosystem für einen guten Zweck zu spenden. Wenige Minuten später veröffentlichte das Büro von Premierminister Gordon Brown eine Mitteilung, in der er den Rückzug des Staatssekretärs ankündigte - zumindest so lange, bis die Vorwürfe geklärt seien.
Aufwind für Rechtsextreme
Große Fernseher, teure Stereoanlagen, das Reinigen von Swimming Pools, das Entfernen von Maulwurfshügeln, das Auswechseln von Glühbirnen und sogar Leihgebühren für Pornofilme - es klingt lächerlich, was die Abgeordneten alles über die Spesenrechnung finanzierten. Doch als Schmonzette sieht die britische Öffentlichkeit den Eklat schon längst nicht mehr.
Die Empörung schlägt sich in den Umfragen zur Europawahl nieder: Die konserativen Tories stürzten laut einem Bericht der Sun innerhalb einer Woche um neun Punkte ab: von 37 auf 28 Prozent. Die Labour-Partei liegt bei 19 Prozent - das schwächste Ergebnis aller Zeiten. Auch in anderen Umfragen verlieren die etablierten Parteien deutlich an Zuspruch.
Die rechtsextreme British National Party (BNP), die mit dem Wahlkampfmotto "Bestraft die Schweine!" wirbt, kann davon bislang nicht profitieren - britische Medien berichten jedoch, BNP-Veranstaltungen hätten regen Zulauf. Die Vertreter der Volksparteien trauten sich hingegen kaum mehr auf die Straße.
Weil auch das Oberhaus von einem Skandal erschüttert wird - zwei Lords gingen verdeckten Reportern auf den Leim und boten Hilfe bei Gesetzesänderungen gegen Bezahlung an -, fürchten manche Abgeordnete gar einen politischen Umsturz, wie es ihn Anfang der neunziger Jahre in Italien gegeben hat.
Erinnerung an Italien
Im Zuge der Affäre "mani pulite" (saubere Hände) wurden damals umfangreiche Untersuchungen gegen Korruption, Amtsmissbrauch und illegale Parteienfinanzierung in Italien durchgeführt - die wichtigsten Parteien brachen daraufhin zusammen, neue Bewegungen entstanden.
So weit sind die Briten noch nicht. Die Medien gehen jedoch bereits dazu über, die Skandalmeldungen des Tages in Listen zu bündeln - der Übersichtlichkeit halber. Zuletzt tauchte dort der frühere Labour-Landwirtschafts- und Umwelt-Staatssekretär Elliot Morley auf, der am Donnerstag aus seiner Fraktion ausgeschlossen wurde - er hatte sich knapp 18.000 Euro vom Steuerzahler für Zinsen einer Hypothek erstatten lassen, die längst abbezahlt war.
Andrew MacKay legte sein Amt als Berater von Oppositionschef David Cameron wegen unzulässiger Spesen nieder. Und schließlich stolperte auch Shahid Malik über den Skandal. Dabei hatte der Staatssekretär gar nicht alle Spesen bewilligt bekommen: Das Heimkino-System hatte eigentlich 3000 Euro kosten sollen, aber die Rechnungsstelle bewilligte nur die Hälfte. Die Anschaffung eines iPods und eines portablen DVD-Players auf Staatskosten wurde sogar ganz abgelehnt.
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(sueddeutsche.de/gba)
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Prediger:
Wieso armes England?
Bevor man so etwas sgt, sollte man eigentlich vor der eigenen Tür kehren.
Die Tatsache, das in GB der Stein so richtig ins Rollen gekommen ist, ist nur den dortigen Medien zu verdanken. Hätten wir bei uns einen ähnlichen Journalismus, würden sich die Bundesbürger vermutlich die Augen reiben.
Das steht jedoch nicht zu befürchten, da unsere Zeitungsschreiber von der Politprominenz
durch entsprechendes Wohlverhalten bei Politevents und Pressekonferenzen ganz schön bei der Stange gehalten werden. Einen wirklich unabhängigen Journalismus gibt es bei uns kaum noch. Ich verweise auf die Eigentümer der großen Zeitungsverlage und deren Interessen.
Schon mal was vom Bundesbeihilfe-Gesetz gehört? Ein Ehrenvorsitzender einer liberalen Partei war so frei, sich seine Geldstrafe über DM 250.000,-- mit Hilfe dieses Gesetzes, mangels eigener Mittel, vom Steuerzahler bezahlen zu lassen!
Man dachte, die Proleten seien auf Mallorca, aber sie sind sogar im Parlament. Armes England...
Gerade jetzt, wo der Staat 'gezwungen' ist, Privateigentum mit Milliarden Steuergeldern zu retten und die Aufmerksamkeit der Bürger stark auf den Einsatz von Steuergeldern fokussiert wird, ist die Frage, wem der ganze Skandal letztendlich nützt und warum gerade jetzt die teils schlüpfrigen, kleinen und großen "Menscheleien" der Parlamentarier an die Öffentlichkeit getragen werden, nicht unwichtig.
Wenn die Antwort auf diesen Skandal der steuerfreie Pauschalbetrag sein sollte, anstatt mehr Transparenz, wissen wir, in welche Richtung Demokratie abdriftet...
Vielleicht wäre es der Mühe von fleißigen Journalisten der SZ wert, zu ermitteln, was unsere Beamte anlässlich des - völlig überflüssigen - Umzuges von Bonn nach Berlin alles auf ihren Spesenrechnungen hatten und bewilligt bekamen.
Paging