Außenminister David Miliband - seit seinem gescheiterten Putschversuch gegen Brown im letzten Herbst nicht gut gelitten in der Downing Street - verkündete schon mal vorsorglich, dass er ganz gerne in seinem Amt verbleiben wolle und von der Kabinettsumbildung nicht betroffen sein werde. Der Premierminister, dessen Vorrecht die Besetzung der Kabinettsposten eigentlich ist, wird es mit Verwunderung vernommen haben.

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Aber nicht nur Minister mucken offen gegen ihn auf, auch die Hinterbänkler in seiner Fraktion murren immer vernehmlicher. Wie die Presse berichtet, kursiert im Parlament ein Brief unter dem Rubrum "Gordon must go", mit dem Unterschriften für einen Misstrauensantrag gegen den Premier gesammelt werden. Auch mehrere Labour-Abgeordnete haben unterschrieben. Widerstand gibt es zudem gegen Pläne Browns, Ed Balls, seinen wohl treuesten Vasallen, als Nachfolger von Alistair Darling zum neuen Schatzkanzler zu machen. Dass Darlings Tage gezählt sind, ist praktisch sicher.

Balls genießt Vertrauen - allerdings im Wesentlichen nur das von Brown. In der Regierung und in der Fraktion hingegen ist der als intrigant und als krankhaft ehrgeizig verschriene derzeitige Schulminister derart verhasst, dass seine Beförderung einen Massenaufstand in der Fraktion und im Kabinett auslösen könnte. Doch wenn Brown vor der Ernennung zurückschreckt, dann würde er damit lediglich enthüllen, dass er zu schwach ist, gegen den Widerstand von Hinterbänklern den wichtigsten Kabinettsposten mit einem Mann seiner Wahl zu besetzen.

Die Briten, die zunächst hellauf empört waren über die schamlose Bereicherungsmentalität zahlreicher Abgeordneter, beschleicht inzwischen Sorge, dass diese Krise ungehindert weiter wuchert wie ein Krebsgeschwür und lebenswichtige Organe und Institutionen des Staates, der Gesellschaft und der Demokratie ergreifen kann. Das politische Erdbeben hätte zudem zu keinem schlechteren Zeitpunkt einsetzen können: Denn diese größten politischen Verwerfungen seit Jahrzehnten gesellen sich zu einer der schlimmsten wirtschaftlichen Krise des Jahrhunderts.

Die Stunde der Wahrheit

Es gibt daher heute kaum mehr einen Wähler zwischen Brighton und Aberdeen, der sich nicht Neuwahlen wünschte - als einzige Chance für einen Neuanfang mit einer neuen Politik, einer neuen Moral und nicht zuletzt neuen Gesichtern. Brown freilich macht keine Anstalten, diesem Wunsch nachzukommen. Seine engen Freunde erinnern daran, dass er sein Leben lang das Amt des Premiers angestrebt habe, dass er zehn Jahre lang neben Tony Blair die zweite Geige habe spielen müssen. So ein Mann, argumentieren sie, werde sich so lange wie nur irgend möglich an die Macht klammern.

Die Stunde der Wahrheit freilich könnte schneller als erwartet für Brown schlagen - wenn nämlich die Ergebnisse der Lokalwahlen und der Europawahlen verkündet werden. Wenn Labour wirklich auf den dritten oder gar vierten Platz abstürzt, wäre dies der Anfang vom Ende für Labour als ernstzunehmende politische Kraft. Schon jetzt, so höhnte Liberalenführer Clegg, habe der Wähler nur die Wahl zwischen Konservativen und Liberaldemokraten; Labour sei nicht mehr Teil dieser Gleichung.

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(SZ vom 04.06.2009/woja)