Ein Kommentar von Wolfgang Koydl

Der britische Unterhauspräsident Michael Martin hat seinen Rücktritt angekündigt. Das war richtig - aber viel zu spät. Seine Sturheit schadete der politischen Klasse in Großbritannien.

Es gibt einen Grund, dass der Vorsitzende des britischen Unterhauses nicht den Titel eines Parlamentspräsidenten, sondern nur den eines Sprechers trägt.

Grobritannien britischer Klassen-Sturz Michael Martin Upperhaus AP

Seine Autorität verdankt der "Speaker of the House" dem Respekt, den ihm die anderen Volksvertreter entgegenbringen. Diesen Respekt aber hatte Michael Martin verloren. (© Foto: AP)

Anzeige

Denn der "Speaker of the House" ist zugleich weniger und mehr als seine präsidial betitelten Amtskollegen in Volksvertretungen auf dem Kontinent: Als Sprecher ist er eher eine Art Klassensprecher - ein primus inter pares, von Kollegen gewählt, um ihre Debatten zu führen und ihre Interessen zu wahren.

Seine Autorität verdankt er weder seinem brokatbestickten Rock noch seiner Stellung als dritthöchster Amtsträger im Königreich, sondern dem Respekt, den ihm die anderen Volksvertreter entgegenbringen.

Diesen Respekt aber hatte Michael Martin verloren, und deshalb war es folgerichtig, dass er nun die Konsequenzen zog und seinen Rücktritt erklärte.

Konsequent, aber viel zu spät. Denn mit der Sturheit, mit der er sich an sein Amt und an dessen Privilegien - ein Dienst-Volvo und eine prächtige Dienstwohnung im Palast von Westminster - klammerte, haben nicht nur ihm, sondern auch seinem Amt, seiner Labour-Partei, dem Parlament und dem Ruf der politischen Klasse in Großbritannien geschadet.

Diese Klasse aber muss sich so schnell wie möglich etwas einfallen lassen, um ihren Ruf bei den Wählern auch nur annähernd wiederherzustellen.

Im Kern freilich geht es nicht um Spesen-Eskapaden. Das Problem liegt darin, dass sich diese Klasse in einem eigenen Dorf in Westminster abgekapselt und den Kontakt zu jenen verloren hat, die sie eigentlich nur für eine begrenzte Zeit vertritt: die Wähler.

Ein rein britisches Problem ist das nicht. Westminster ist deshalb überall, auch in Berlin, Washington, Brüssel oder anderswo.

Leser empfehlen 

(SZ vom 20.05.2009/dmo)