Eine Reportage von Thorsten Denkler, Berlin

Beim Wanderausflug der Parlamentarischen Linken präsentiert sich die SPD selten locker: Kurt Beck erzählt Witze, die Partei demonstriert Geschlossenheit. Zumindest in der Farbe ist man sich einig. Aber schon am nächsten Morgen: erneute Aufregung

Es gibt einige Irritationen über das große runde Ding da über dem Tegeler See. Ist das der Mond oder die Sonne? Egal. Ist jedenfalls rot. Und das ist das Wichtigste an diesem Abend. Dass hier alle die gleiche Farbe sehen. Rot. Mond oder Sonne, was spielt das dann noch für eine Rolle.

Wanderausflug der SPD-Linke

Kennst du den? Kommt ein Berliner an einem Tourismusbüro für das Saarland vorbei ... Am Tegeler See geben sich Kurt Beck und die Genossen gutgelaunt und ausgeruht. (© Foto: Getty Images)

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Die Parlamentarische Linke der SPD im Bundestag (PL) hat eingeladen zum traditionellen Wanderausflug. Diesmal zur Villa Borsig ganz im Nordwesten Berlins. Hier hat einst der Berliner Großindustrielle Ernst Borsig residiert. Heute ist die Villa das Gästehaus des Außenministeriums. Unter den Arbeitern von Borsig gab es den Spruch: "Wer noch nie bei Siemens war, bei AEG und Borsig, der kennt des Lebens Elend nicht, der hat es erst noch vor sich."

Es kann also nur besser werden. Das gilt zumindest für die Parlamentarische Linke, wie deren Vorsitzender Ernst-Dieter Rossmann feststellt. Die PL, wie sich die Linke in der Bundestags-SPD kurz nennt, war schon bei Siemens und bei AEG. Und heute auch bei Borsig. Da sollte sie vor künftigem Elend schützen.

Es kam dann aber doch noch. Zumindest wird er in den Kommentarspalten als das aktuelle Elend der SPD ausgemacht: Parteichef Kurt Beck. So elendig aber sieht er gar nicht aus. Vielleicht ist es die rote Kugel am Horizont, die ihm so einen ausgeruhten Teint verpasst.

Am Morgen nach der Feier stehen allerdings die Chancen nicht schlecht, dass die Farbe seines Kopfes auch ohne Hilfe eines Himmelskörpers ins Rötliche wechselt. Große Aufregung um ein angebliches "Geheimtreffen", das es gegeben haben soll zwischen Politikern von Lafontaines Linke und solchen aus der SPD. Die Meldung hat nur eine Halbwertszeit von wenigen Stunden. Dann war klar: Ja, es gab ein Treffen. Aber weder war es geheim, noch nimmt daran, wie ebenfalls gemeldet wurde, Linke-Geschäftsführer Dietmar Bartsch teil.

Kein Grund zur Panik also. Schon gar nicht am Abend vorher, beim Sommerausflug der PL nach Tegel. Beck präsentiert sich in seltener Lockerheit. "Schön hier draußen", sagt er. "So friedlich kann Berlin sein." Da lachen die Genossen.

Ein Hauch von Selbstironie schwingt mit, als er vom Spannungsbogen spricht. Es sei gut, einen solchen aufzubauen und mit den eigenen Inhalten erst mal hinterm Berg zu halten. Die Partei sei auch "sehr erfolgreich darin, die eigenen Inhalte vor den Menschen zu verbergen". Aber jetzt sei es auch genug mit dem Spannungsbogen.

"Und wenn der See noch so steil ist"

Beck erzählt das alles aus dem Stand. Ohne Manuskript. Ohne elendig lange Schachtelsätze, die sonst gerne mehrere Seiten im Block des Reporters auszufüllen imstande sind.

Beck wirkt geradezu gutgelaunt. Er lächelt über beide Backen, als er da steht und den donnernden Applaus für seine kurze Rede in Empfang nimmt. Er ist so gutgelaunt, dass er wieder einen seiner berühmt-berüchtigten Witze zum Besten gibt. Beck ist ein Meister im Witze-Erzählen.

Dieser geht etwas verkürzt so: Auf der Berliner Tourismusbörse wirbt das Saarland mit einem großen See. Kommt ein Berliner vorbei und fragt: So einen großen See haben Sie im Saarland? Sagt der Saarländer am Stand: Ja, natürlich. Fragt der Berliner: Kann man darauf auch Boot fahren? Der Saarländer: Na selbstverständlich. Fragt der Berliner: Kann man darauf auch Wasserski fahren? Sagt der Saarländer: Unter uns, ich glaube nicht, dass der See dafür steil genug ist.

Herzhaftes Lachen auf der Terrasse des Restaurants, in dem die SPD-Linke den Abend ausklingen lässt.

PL-Chef Ernst Dieter Rossmann setzt noch hinterher, dass entgegen weit verbreiteter Vorurteile auch seine Truppe zu regieren gewillt sei. Das gelte ausdrücklich auch für das Saarland. "Und wenn der See noch so steil sein mag."

Vielleicht ist das alles ja ein gutgelaunter Anfang. Nicht für die große Einigkeit, aber doch für Geschlossenheit. Das wünschen sich die Parteistrategen für die Sommerpause, die in zwei Wochen beginnt. Wenn möglich, dann bitte keine Querschläger mehr, wie ihn jetzt Parteivize Andrea Nahles produzierte. Sie bescheinigte ihrer Partei kurzerhand, nicht versetzungsfähig zu sein. Was dem Hörensagen nach Parteichef Beck ziemlich sauer aufgestoßen ist.

Die Säuerniss ist ihm an diesem Abend nicht mehr anzusehen. In trauter Runde steht Beck mit seinen Stellvertretern Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles zusammen. Die Krawatte hat Beck sich längst irgendwo hingesteckt. Der oberste Hemdknopf offen. Das graue Sakko behält er an. Er lacht viel.

Keine Putschgerüchte gegen Beck

Etwas scheint ihm leichter zu fallen als früher sich auf der politischen Bühne Berlin zu bewegen. In der Parteizentrale wundern sich Mitarbeiter, dass er inzwischen ihre Ratschläge annimmt. Er hält jetzt öfter die vorbereiteten Reden und siehe da: Beck verfranst sich nicht mehr in seinen eigenen Sätzen.

Auch unter den Mitgliedern der PL findet sich keiner, der Beck für die aktuelle Misere verantwortlich macht. Im Gegenteil, er sei der beste Parteichef der SPD seit langem. "Beck hört zu", sagt die eine. Und die andere setzt nach: "Schröder hat uns ignoriert, Beck arbeitet mit uns zusammen."

Wenn es Beck nicht ist, wer ist es dann? Die Genossen haben dafür sehr unterschiedliche Erklärungen. Der eine hält das Problem der SPD für ein gesamtgesellschaftliches, das nur an der SPD besonders sichtbar werde. Allen Parteien fehle die Vision für eine ökologische und soziale Erneuerung.

Ein anderer erklärt zwar, dass das Bild der SPD nicht besonders einheitlich sei, dass ihm auch nicht klar sei, wofür die Partei im Moment stehe. Aber an Personen will er das nicht festmachen. Von den Putschgerüchten gegen Beck, die es zeitweise gegeben haben soll: Hier ist davon nichts zu hören.

Was aber auch alle sagen, mit denen man an diesem Abend ins Gespräch kommt: Die Kandidaten-Frage sei zumindest in Bezug auf Beck geklärt. Einer sagt es deutlich: Beck sei nicht mehr der natürliche Anwärter auf die Kanzlerkandidatur. Es habe etwas gedauert, bis das dem Parteichef bewusst geworden sei. Jetzt wisse auch er es. Wenn es so ist, dann ist die neue Rolle, die damit verbunden ist, offenbar genau die richtige für Beck.

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(sueddeutsche.de/cag/hai)