SPD-Wahlkampf Schröder lächelt Kritik einfach weg

Für Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) gibt's nach einer Wahlkampfveranstaltung von Lars Klingbeil einen Geschenkkorb.

(Foto: dpa)

Mit dem Altkanzler Wahlwerbung zu machen, ist für die SPD dieser Tage ein Wagnis - außer in seiner Heimat Niedersachsen. Dort kann er sich als Vermittler beim Thema Energiesicherheit geben.

Von Thomas Hahn, Rotenburg an der Wümme

Es soll um Entscheidungen gehen bei dem Podiumsgespräch des SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil mit dem Altkanzler Gerhard Schröder. Aber bevor es richtig losgeht, bittet Klingbeil seinem prominenten Gast im niedersächsischen Rotenburg an der Wümme, eine Frage zu beantworten, die viele im Land bewegt: Warum will Schröder in den Aufsichtsrat des weltgrößten Ölkonzerns Rosneft, trotz der EU-Sanktionen gegen Russland?

"Das mache ich gerne", sagt der Altkanzler und stellt sein Engagement in dem halbstaatlichen russischen Börsenunternehmen in den Zusammenhang von Energiesicherheit und internationaler Verständigung. "Ich stehe dazu, weil ich glaube, dass es aus ökonomischen und politischen Gründen nicht vernünftig ist, unseren größten Nachbarn Russland ökonomisch und politisch zu isolieren", sagt er; "die Dämonisierung Russlands hilft keinem."

Ob er sogar ein Kandidat für den Posten des Aufsichtsratschefs bei Rosneft sei, wie zuletzt die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete, sagt Schröder nicht. Aber er wirkt unbeeindruckt von der jüngsten Kritik: "Ich denke gar nicht daran, mir ein Problem daraus machen zu lassen." Und an Leute gerichtet, die in ihm eine mögliche Marionette Russlands sehen, sagt er schlicht: "Ich bin nicht benutzbar."

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Wahlwerbung mit Schröder ist ein Wagnis - außer in seiner Heimat

Es ist dieser Tage ein Wagnis, mit dem Altkanzler Schröder Wahlwerbung zu betreiben. Ein gut bezahlter Job in einem Unternehmen, dessen Mehrheitsaktionär die Regierung des zumindest halbautoritären Präsidenten Wladimir Putin ist, kommt bei vielen in Deutschland nun einmal nicht gut an. Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz distanzierte sich. Oder ist es doch kein Wagnis?

In Schröders Heimatbundesland Niedersachsen, dem er von 1990 bis 1998 als Ministerpräsident diente, scheint die Verbundenheit jedenfalls größer zu sein als anderswo. Als die Aufregung über Schröders möglichen Posten im Aufsichtsrat bei Rosneft hochkochte, wertete der aktuelle SPD-Ministerpräsident Stephan Weil die russischen Karriereaussichten seines Parteigenossen als Privatangelegenheit: "Sie verletzt keine Interessen der Bundesrepublik."

Der Rotenburger Abgeordnete Klingbeil freute sich auf Schröders Besuch, der schon im Januar angefragt worden war, lange vor der Rosneft-Debatte. Ihn auszuladen war keine Option für Klingbeil, der während seines Studiums rund zwei Jahre lang Mitarbeiter in Schröders Wahlkampfbüro war.

Als Schröder am Mittwoch tatsächlich da ist, strahlt der Rotenburger SPD-Bürgermeister Andreas Weber vor Dankbarkeit und bittet Schröder spontan um einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.

Kritik lächelt der Altkanzler an diesem Abend einfach weg

Wenn Aufmerksamkeit die wichtigste Währung des Wahlkampfes ist, ist Klingbeil an diesem Abend für seine Loyalität bezahlt worden: Die 300 Plätze im Buhrfeindsaal des Rotenburger Diakonieklinikums sind alle besetzt. Medien aus dem ganzen Land sind gekommen in eine Gegend, die in der öffentlichen Wahrnehmung eher unterrepräsentiert ist. Und die örtliche Rotenburger Kreiszeitung erinnert an den ersten Besuch Schröders im Landkreis: Im April 1978 nahm Schröder demnach als Juso-Bundesvorsitzender an einer Klausurtagung im Restaurant "Rieper Eichen" in Riepe bei Lauenbrück teil und sprach mit dem Blatt über seine Kritik an Karl Ravens, dem damaligen SPD-Spitzenkandidaten der Landtagswahlen.

Jetzt steht Schröder selbst in der Kritik, die er in Rotenburg allerdings souverän weglächelt. Das Publikum ist für ihn, es applaudiert ihm, als er sein Rosneft-Engagement als eine Aktion der Vernunft gegen den Kalten Krieg und kalte Heizungen darstellt.

Und der Altkanzler fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne, auf die sich zahlreiche Fernsehkameras richten. Mit offenem Hemdkragen lehnt Schröder in einem Ledersessel, er plaudert so lässig wie pointiert über Bundes- und Weltpolitik und spricht dabei auffällig wenig über den Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Putin "ein hochrationaler Mann" - im Vergleich zu US-Präsident Trump

Lob hat er hingegen für Außenminister Sigmar Gabriel übrig, einen weiteren SPD-Niedersachsen, der seinerseits in einem Spiegel-Interview zu Protokoll gegeben hatte, Schröders Engagement bei Rosneft werde skandalisiert.

Die Nähe des Konzerns zum russischen Staat spielt Schröder kleiner, als andere das tun: Rosneft sei "keineswegs der verlängerte Arm der russischen Regierung" - schließlich seien 50 Prozent der Aktien in der Hand internationaler Player wie des britischen Mineralölkonzerns BP (Schröder: "kein kleiner Laden") oder des Staates Katar seien."In dem jetzt noch neunköpfigen Rosneft-Board ist die Mehrheit nicht russisch", betont Schröder.

Um das Bild seines Freundes Wladimir Putin etwas weicher zu zeichnen, kommt ihm auch ein Exkurs über den US-Präsidenten gelegen: Den kritisiert Schröder für seine Twitter-Außenpolitik - und sagt mit Nachdruck: "Verglichen mit Herrn Trump ist Wladimir Putin ein hochrationaler Mann."

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