Von Thorsten Denkler, Berlin

Beim Warten auf den Auftritt von Kurt Beck wird deutlich, wie tief die SPD in der Krise steckt. Die Partei hat in den vergangenen Wochen vor allem ihre Glaubwürdigkeit verspielt.

Ex-Parteivize Elke Ferner steht vor dem Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg. Sie gehört zu den wenigen an diesem Morgen, die sich ein paar Sätze entlocken lassen. Sie hat gerade angesetzt, dass der Parteivorstand jetzt entscheiden werde, wie es weitergeht mit der SPD, da fährt laut brüllend ein Radfahrer vorbei: "Die lügen doch alle!"

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Gesundheitlich und politisch angeschlagen: SPD-Chef Beck am Sonntag auf dem Weg nach Berlin. (© Foto: dpa)

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Ein Satz reicht, um das Grundproblem der SPD deutlich zu machen. Die Partei steckt ganz tief in der Glaubwürdigkeitskrise. Vor einem halben Jahr hat SPD-Chef Kurt Beck den Umgang mit der Linken zur Chefsache gemacht. Nach der Hessen-Wahl der Kursschwenk: Jetzt sollen doch die Landesverbände jeder für sich entscheiden dürfen. Zweimal hat der Parteivorstand die neue Linie abgesegnet.

Dann die Blamage für Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti: Eine hessische SPD-Abgeordnete verweigert ihr die Unterstützung. Der Plan, sich am 5. April auch mit den Stimmen der Linkspartei wählen zu lassen, wird vorerst fallengelassen. Beck gilt ebenfalls als schwer beschädigt. Wehren kann er sich nicht. Er liegt vergrippt im Bett. Mit Spannung wird sein erster öffentlicher Auftritt nach mehr als zwei Wochen am frühen Nachmittag erwartet.

Inzwischen haben sich die Ereignisse überschlagen: Gestern Krisensitzung im Willy-Brandt-Haus. Am Morgen spricht der neue Chef der konservativen Seeheimer, Gerd Andres, dem Parteichef die Fähigkeit ab, Kanzlerkandidat zu werden. Im Frühstücksfernsehen klingt Generalsekretär Hubertus Heil, als solle die Hessen-SPD nun doch nicht allein über ihre Koalitionen entscheiden dürfen. Später dementiert er das. Und sagt einfach, Beck bleibe Parteichef.

Selbst solchen Aussagen glaubt heute niemand mehr einfach so.

Symptom der Krise

Wie schwer die Krise der SPD ist, lässt sich auch am Verkehr in der Tiefgarage der SPD-Zentrale ablesen. Meist steigen die SPD-Vorstände und Präsidiumsmitglieder vor dem Gebäude aus und diktieren den wartenden Journalisten noch ein paar Sätze in die Blöcke. Heute will kaum einer etwas sagen. Am frühen Morgen schon hat Beck den unterirdischen Weg zu den Gremiensitzungen gesucht. Sein Vize und Außenminister Frank-Walter Steinmeier tut es ihm nach.

Finanzminister Peer Steinbrück kommt erst kurz vor Sitzungsbeginn, immerhin zu Fuß. Mit einem wohl heiter gemeinten "Was ist denn hier los?" lässt er den versammelten Journalisten-Pulk stehen. Selbst Andrea Nahles, sonst selten um ein klares Wort verlegen, lässt sich nur ein kurzes "sicher nicht" entlocken. Das war die Antwort auf die Frage, ob Konsequenzen aus der Krise gezogen würden.

Andrea Ypsilanti ist die Einzige, die mehr zu sagen hat vor der SPD-Zentrale. Sofort stürmen die Kamerateams auf sie zu, als sie aus dem Auto steigt. Sie stellt zwei Dinge klar. Erstens: "Über Koalitionen wird in den Ländern entschieden." Die Landespolitiker trügen für ihre Entscheidungen dann auch die Verantwortung. Zweitens: Sie werde sich am 5. April nicht zur Wahl stellen: "Und zwar egal, wie sich Frau Metzger entscheidet". Mal sehen, wie lange dieser Satz Gültigkeit hat. Die Halbwertszeit apodiktischer Aussagen in der SPD ist derzeit bekanntermaßen äußerst gering.

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(sueddeutsche.de/maru/lala)