SPD-Video zu Merkels Wahlversprechen Wenn die Hüllen fallen

Technik-Freaks packen ihr neuestes Spielzeug aus und Tausende andere sehen zu. Das ist Unboxing, ein Youtube-Phänomen mit quasi-erotischen Zügen. Die SPD überführt es in den Wahlkampf und packt "Merkels Wahlgeschenk" aus. Die Pointe ist ziemlich vorhersehbar, das Video trotzdem bemerkenswert.

Von Michael König, Berlin

Boah, der Typ ist voll aufgeregt! Und sein Kameramann auch, er kann kaum stillhalten vor Nervosität. Die beiden haben ein Paket bekommen, ziemlich hässliches Geschenkpapier, aber dennoch: Erregung! "Hey, ich hab das Wahlgeschenk von Angela Merkel bekommen, es ist supergut verpackt", sagt der Mann im weißen Hemd. "Das Material ist voll geil!"

Dann beginnt er mit der Zeremonie, die sich "Unboxing" nennt und Youtube-Nutzern ein Begriff sein dürfte. Fast 17 Millionen Unboxing-Videos kursieren dort, manche mit mehreren Millionen Zuschauern. Der Inhalt ist immer gleich: Stolze Besitzer neuer Gadgets - Smartphones, Laptops, Spielekonsolen - setzen sich vor eine Kamera und packen ihr Gerät aus. Karton weg, Schutzfolie beiseite. Es fällt Hülle für Hülle, bis das neue Gerät ganz nackt da liegt, nackt und neu.

Geek Porn hat das die britische Tageszeitung The Independent einmal genannt, Pornografie für Technikbegeisterte: "Es ist ein Zeitvertreib, der vor allem von Männern genossen wird, die sabbernd vor ihrem Bildschirm sitzen, während der Höhepunkt des Videos immer näher rückt."

Richtig beliebt wurden Unboxing-Videos 2007 mit dem Erscheinen des iPhones von Apple, zumindest wenn man Google Trends glauben darf. Sechs Jahre später hat diese "vorläufig höchste Entwicklungsstufe des Warenkults" (Wirtschaftswoche) Eingang in die deutsche Politik gefunden. Der SPD sei Dank.

Der Typ im Video - sein Name ist Tobias Nehren, er ist Mitarbeiter beim SPD-Parteivorstand - freut sich über das tolle Geschenkband, über die Aufschrift "Angela Merkel", über die "richtig geile" Holzkiste samt Scharnieren aus Metall. Er begutachtet das Geschenk von allen Seiten, macht den Verschluss auf, guckt endlich hinein. Und drin ist: nichts.

"Das finde ich jetzt scheiße", sagt Nehren. Er schluckt, macht eine weinerliche Miene und fordert seine Zuschauer auf, das Video zu teilen und zu kommentieren. "Da ist nichts drin, das finde ich Beschiss."

Es gehe ihr darum, schreibt die SPD auf SZ.de-Anfrage, "die durch den Finanzierungsvorbehalt gegebene Realitätsferne der aktuellen Wahlversprechen der Bundesregierung auf humoristische Weise zu entlarven".

Unabhängig von der Aussage: Gemessen daran, was die deutschen Parteien sonst an Wahlwerbung bei Youtube zeigen, ist das eine nahezu glanzvolle Leistung. Der SPD gelingt es, die quasi-erotische Anziehungskraft des Unboxings zu persiflieren und die Wahlversprechen der CDU gleich mit. So viel Überhöhung ist selten. Auch wenn das Video ein klein wenig langatmig ist und die Pointe ziemlich vorhersehbar.

Wenn die CDU entsprechend kreativ zurückschießt, besteht noch Hoffnung für den deutschen Online-Wahlkampf.