SPD Auch Scholz hat eine abgeschlossene Meinung zu Gabriel

Ähnlich sieht es bei Olaf Scholz aus. Auch der als Vizekanzler und Finanzminister vorgesehene Hamburger Erste Bürgermeister hat eine abgeschlossene Meinung zu Gabriel. Das liegt nicht nur daran, dass der stets beherrschte Scholz in so ziemlich allem das Gegenteil des eruptiven Gabriel ist. Sondern auch an Erlebnissen wie jenem, das er vor Jahren in Kassel hatte.

Damals besuchte Scholz mit seiner Frau die "Documenta". Die SPD befand sich damals in der Opposition und war damit beschäftigt, die Regierungsjahre aufzuarbeiten, also auch ihre Haltung zur Rente mit 67 zu justieren. In Kassel schlenderte Scholz nun durch eine Hotelhalle und entdeckte dort ein Schild, wonach hier gerade der "SPD-Parteivorstand" tagte. Dem gehörte Scholz eigentlich an. Neugierig klopfte er an die Tür - und fand Gabriel. Der leitete gerade die konspirative Sitzung einer Arbeitsgruppe, die ein sozialdemokratisches Rentenkonzept erarbeiten sollte. Hinter dem Rücken des zuständigen Rentenexperten und stellvertretenden Parteichefs Scholz. Über den hatte die Runde zu allem Überfluss kurz zuvor auch noch geredet: Als es um ein Detail ging, hatte einer der Teilnehmer eingewandt, der Olaf habe das aber als Arbeitsminister anders geregelt. Darauf meinte Gabriel: Das sei ihm doch egal, was der Olaf gemacht habe.

Scholz soll damals die Fassung bewahrt haben. So wie übrigens, zumindest nach außen, auch der Parteilinke Ralf Stegner. Den gesamten verkorksten Bundestagswahlkampf 2013 hindurch hatte er den linken Flügel ruhig gehalten, weil er hoffen durfte, nach der Wahl Generalsekretär zu werden. Gabriel hatte ihn gefragt. Als dann die Posten verteilt wurden, fiel Gabriel allerdings auf, dass er dringend noch eine Frau an der Parteispitze brauchte. Er holte die Gewerkschafterin Yasmin Fahimi - die ebenfalls bald entnervt war.

So kann man die Reihe durchgehen. Thorsten Schäfer-Gümbel, einer der stellvertretenden Parteichefs? Blieb Gabriel lange treu ergeben, bis der ihm vor drei Jahren vor dem gesamten Parteivorstand in einer Weise über den Mund fuhr, die selbst für den Parteisoldaten aus Hessen das Maß voll machte. Malu Dreyer, Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz und mittlerweile ebenfalls Parteivize? Musste sich im Landtagswahlkampf 2016, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte, immer wieder gegen Gabriel behaupten. Der bedrängte sie wiederholt, ihren Kurs zu ändern und auf das Thema innere Sicherheit zu setzen, statt ausschließlich optimistische, flüchtlingsfreundliche Töne anzuschlagen. Das ging bis hin zum Vorschlag, sich mit einem Spezialeinsatzkommando der Polizei fotografieren zu lassen, um die harte Regierungschefin zu markieren. Doch Dreyer blieb bei ihrem populismusfreien Kurs. Als sie dann die Wahl gewonnen hatte, lobte Gabriel ihre "Haltung".

Und trotzdem: Reicht all das? Darf man einen selbst nach Meinung seiner Gegner mit herausragenden Begabungen gesegneten, national wie international erfahrenen Parteifreund wegen emotionaler Verwerfungen einfach so ins Abseits drängen?

Risiko neuer Querschüsse

Um Emotionen gehe es nicht, bekommt man zur Antwort, wenn man die Frage an der SPD-Spitze stellt. Stattdessen sei Gabriel erstens auch in weiten Teilen der Mitgliedschaft unten durch und damit eine Belastung für den Neubeginn. Zweitens bedeute ein Minister Gabriel stets das Risiko neuer Querschüsse. Er könne nicht anders.

Tatsächlich dachte Gabriel, nachdem er Anfang 2017 den Platz für Schulz freigemacht hatte und ins Außenministerium gewechselt war, überhaupt nicht daran, seinen Nachfolger nun einfach mal machen zu lassen. Dass er kontinuierlich eigene außenpolitische Akzente setzte und damit dem Kanzlerkandidaten in den Augen vieler Genossen immer wieder die Show stahl, war das eine. Dass er aber auch intern immer wieder an dessen Autorität kratzte, indem er etwa vor den Abgeordneten der SPD-Bundestagsfraktion redete, als sei er selbst noch immer Parteichef, nahmen ihm viele übel. Ein ansonsten stets besonnener Parlamentarier schwor bereits vor der Wahl, einer neuen großen Koalition keinesfalls zuzustimmen, falls Gabriel nochmals im Kabinett sitzen sollte.

Als Gabriel und Schulz sich noch Freunde nannten, stöhnte Schulz gern im kleinen Kreis, der Sigmar sei leider ein dickes Kind, "das mit dem Hintern einreißt, was es vorher aufgebaut hat". Womöglich nun sogar die eigene Karriere.

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