Von Thorsten Denkler, Berlin

Die Sozialdemokraten sortieren sich neu und präsentieren sich mit Steinmeier und Müntefering an der Spitze in einer lange nicht erlebten Geschlossenheit. Kurt Beck ist schon Geschichte.

Da steht er. Der Kanzlerkandidat. Frank-Walter Steinmeier, der Herausforderer von Angela Merkel. Noch ist er es nicht offiziell, gewählt wird später. Aber es besteht kein Zweifel: Er ist es. Das hat seine Rede gezeigt, das zeigt jetzt der Applaus.

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Steinmeier, der Kanzlerkandidat, und Müntefering, der Parteichef. Gemeinsam wollen sie im kommenden Jahr die Bundestagswahlen gewinnen. (© Foto: Reuters)

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Sechseinhalb Minuten steht er auf seinem runden, roten Podest vor dem Pult, an dem er anderthalb Stunden lang gesprochen hat, und nimmt den stehenden Applaus entgegen. Es sind die stärksten Minuten seines Auftrittes. Und das nach einer Rede, die Delegierten immer wieder zu Applaus hingerissen hat.

Keine geballten Fäuste, keine in die Höhe gereckten Daumen, keine über dem Kopf zusammengeschlagenen Hände.

Nur immer wieder diese Verneigung. Hände an der Seite, Oberkörper nach vorne. Eine Geste der Demut, der Bescheidenheit. Nicht der Macht. Manchmal hebt er die Hände. Aber nur zum Gruß, seine Handflächen weisen zu den Delegierten.

Der Kopf ist rot von der Anstrengung der Rede. Aber er lächelt so, dass es von weitem wie ein Lachen aussieht. Wie das Lachen eines Mannes, der sein Glück nicht fassen kann. Nach Minuten steigt er Treppen vom Podium hinunter zu seiner Frau Elke Büdenbender, die in der ersten Reihe neben dem Mann sitzt, dem Steinmeier als vierter sozialdemokratischer Kanzler folgen will.

Von der Frau ein Kuss und eine Umarmung. Schröder greift sich beherzt den Nacken Steinmeiers und zieht ihn mit einem breiten Lachen an sich. Neben Schröder erhebt sich unter aufbrandendem Applaus Helmut Schmidt, um Steinmeier per Handschlag zu gratulieren. Es ist das erste Mal an diesem Vormittag im Berliner Estrel Hotel, dass Schmidt aufzustehen versucht.

Es gab Zweifel, ob Steinmeier sich das Amt zutraut, ob er Kanzler werden will. Auch weil er nie ein Parteimann war. Keine Ochsentour, nie Plakate geklebt. Wollen die ihn?

Sie wollen ihn. "Wenn ihr Vertrauen habt, dann bin ich bereit!", hat Steinmeier den Genossen zum Schluss seiner Rede zugerufen. Der Beifall nach diesem Satz wäre schon eines Schlussapplauses würdig gewesen. Am Ende stimmen 95,13 Prozent der knapp 500 Delegierten für ihn.

Steinmeiers Satz ist Aufforderung und Selbstverpflichtung zugleich. Die Aufforderung lautet Geschlossenheit: "Stärke und Geschlossenheit sind Pflicht, weil unser Land uns jetzt braucht" sagt Steinmeier. Aber auch: "Hoffnung und Zuversicht sind wieder zurück. Wir haben Streit begraben, Gräben zugeschüttet. Wir glauben an uns, das macht uns stark." Vor wenigen Wochen noch hätte das niemand sagen können, ohne lautes Gelächter zu ernten.

Steinmeiers Selbstverpflichtung ist einfach umschrieben: Die Wahl will er gewinnen. "Ich bin mir der Ehre aber auch der Verantwortung bewusst", sagt er. Und fordert von sich und den Delegierten: "Spielt nicht auf Platz, spielt auf Sieg."

Dafür muss Steinmeier die Partei noch zusammenführen, in der sich die Flügel über Jahre der Agenda-Debatte auseinandergelebt haben. Die Finanzkrise kommt da wie Gottes Segen über die Partei.

Sie gibt Steinmeier die Gelegenheit, die "Wendehälse" in der Union zu bearbeiten, die immer freie Märkte gepredigt hätten und jetzt mehr Staat forderten. "Fehlt nur noch, dass die CSU wieder die Sozialisierung der Schlüsselindustrien fordert."

Es ist seit langem wieder ein Parteitag, der den Delegierten "endlich mal wieder Spaß macht", sagt einer. Keine lästigen Fragen nach der Kompetenz des Parteivorsitzenden. Und vor allem: Keiner, der auf solche Fragen mit verbalen Tritten gegen den Parteichef antwortet.

Es ist der Parteitag der neuen Einigkeit. Wie einig sich die neue Parteispitze tatsächlich ist, zeigt Franz Müntefering, der hier mit 85 Prozent zum neuen Parteivorsitzenden gekürt wird. Kein Traumergebnis. Dabei hat er mit seiner Rede "Kopf und Herz berührt", wie eine Delegierte später sagt. Aber die Umstände des Rücktritts von Kurt Beck haben offenbar nicht alle Delegierten vergessen.

Müntefering wird mit dem Ergebnis leben können. Er sieht seine Rolle ohnehin in der des Dieners des Kanzlerkandidaten. Schon in seiner Rede nimmt er immer wieder Bezug auf das, was Frank-Walter Steinmeier gesagt hat.

Aber Müntefering liefert auch einen erkennbaren Beweis, dass es ihm nicht um Eitelkeit geht, wenn er zum zweiten Mal nach dem Parteivorsitz greift.

Als Müntefering das Ende seiner Rede erreicht, ruft er wie Steinmeier zur Geschlossenheit auf. "Wir müssen eine Partei sein", sagt er. Und dann noch mal: "Eine". Weil: "Wir sind keine Holding. Ich will nicht der Vorsitzende des Aufsichtsrates einer Holdung sein." Müntefering erntet viel Applaus dafür.

Steinmeier sagte noch, wenn die Genossen Vertrauen hätten, sei er bereit. Müntefering sagt: "Ich bitte euch um euer Vertrauen. Meines habt ihr." Dann holt er den roten Zettel hervor mit dem Wahlergebnis für Frank-Walter Steinmeier. Da es selten vorkommt, dass Parteivorsitzende und Kanzlerkandidaten am gleichen Tag gewählt werden, gibt es keinen Vergleich. Aber es ist doch als eine große Geste gewertet worden, dass Müntefering mit diesem Trick allen Beifall von sich auf Steinmeier lenkte.

In der Kindererziehung heißt es, wer etwas erreichen will, muss Vorbild sein. Wenn Geschlossenheit und gegenseitiges Vertrauen die neue Grundlage der Partei sein sollen, dann hat die neue Führung der SPD heute ein gutes Vorbild abgeliefert.

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(sueddeutsche.de/gba)