SPD-Parteitag Schröders Dienst an Martin Schulz

An meine Brust, Genosse: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (rechts) herzt Altkanzler Gerhard Schröder.

(Foto: Jonas Güttler/dpa)
  • Altkanzler Gerhard Schröder spricht der SPD auf dem Bundesparteitag in Dortmund Mut zu.
  • Sein Auftritt ist zunächst ein Dienst an Martin Schulz, hinter den er sich stellt - auch weil Schulz den unbedingten Willen zur Macht habe.
  • Schröder nützt seinen Auftritt in Dortmund auch ein wenig zur Versöhnung mit der Partei.
Von Nico Fried, Dortmund

Nur einmal röhrt er so richtig durch die Westfalenhalle. Es ist nach zwei, drei Minuten, als Gerhard Schröder ruft: "Wir haben bewiesen, dass wir es können - und zwar besser als die anderen." Da hört man den harten, rauen Sound aus den Wahlkämpfen der Vergangenheit. Es ist der Klang zu der Erinnerung, die der Alt-Kanzler mit seinem Kurzauftritt auf diesem SPD-Parteitag heraufbeschwören soll. Die Erinnerung an die Bundestagswahl 2005, als für die SPD alles verloren zu sein schien, und am Ende die Union von Angela Merkel doch nur knapp vor Schröder landete.

"Nichts ist entschieden", sagt Schröder in Dortmund. Es war auch der Kernsatz seiner Rede auf dem SPD-Parteitag 2005 in Berlin. 20 Prozentpunkte habe man seinerzeit aufgeholt. "Was damals ging, das geht heute auch." Schröder übertreibt es nicht. Er kokettiert mit seinem Alter, aber er wirkt doch recht fit, jedenfalls an diesem Vormittag. Er könnte jetzt ein wenig brüllen, schwitzen, demonstrativ sein Sakko ausziehen. Aber er weiß, es geht jetzt nicht mehr um ihn.

Er sagt, er habe aus Zeitgründen das Wahlprogramm "nicht vollständig" gelesen

Dieser Auftritt ist zunächst ein Dienst an Martin Schulz und an der SPD. Schröder hätte wohl lieber Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidaten gehabt. Aber er stellt sich jetzt hinter Schulz, auch weil der den unbedingten Willen zu Macht habe. Er führt damit selbst vor, was er auch von der SPD erwartet: Geschlossenheit. "Es darf keine Selbstzweifel geben, nicht beim Kandidaten, nicht bei euch", ruft er den Genossen zu. Die Körpersprache von damals ist noch da, das Wippen in den Knien, die lässigen Drehungen am Rednerpult, die rechte Hand, mit der Schröder sich durch die Haare fährt, die der ältere Herr da vorne so lang trägt, dass sie im Nacken eine recht wilde Lockenpracht bilden.

Schröder sagt, er habe aus Zeitgründen das Wahlprogramm "nicht vollständig" gelesen. Aber von dem, was er "wahrgenommen" habe, lobt er die kostenfreie Bildung und die Bedeutung, die Schulz der Europapolitik geben wolle. Vor allem aber sagt er, man müsse "dem, was gegenwärtig aus den USA kommt, offen und hart widersprechen". Das geschehe ihm noch zu wenig. Er meint damit sowohl den wirtschaftlichen Protektionismus eines Donald Trump, wie auch die Forderungen nach deutlich höheren Rüstungsausgaben. Die Zuhörer in der Westfalenhalle, die ihn nicht euphorisch begrüßt haben, danken dem Kanzler, der Nein zum Irak-Krieg gesagt hat, diese Aufforderung besonders.

Aber Schröder nützt seinen Auftritt in Dortmund auch ein wenig zur Versöhnung mit der Partei. "Ich habe es euch nicht immer leicht gemacht", sagt der Agenda-2010-Kanzler,"aber leise, ganz leise sage ich: ihr mir auch nicht." Im Wahlkampf aber habe er sich auf "meine SPD" immer verlassen können. Für eine direkte verbale Umarmung erwählt der Altkanzler die heutige Arbeitsministerin Andrea Nahles, der für Schröder vor vielen Jahren mal das Wort von der "Abrissbirne der sozialdemokratischen Programmatik" einfiel. Er lobt das Rentenkonzept, das Nahles ins Programm geschrieben hat. "Ich hatte nicht immer erwartet", gurgelt Schröder charmant, "dass du das so doll machen würdest". Der Applaus am Ende ist schon fast begeistert. Schröder hat seine Pflicht getan. Und sogar er selbst hatte ein wenig sentimentalen Spaß dabei.

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