Von Nico Fried, Hamburg

Weniger aus Begeisterung als aus höherer Einsicht scharen sich die Sozialdemokraten auf dem Parteitag um ihren Vorsitzenden Kurt Beck.

Im ersten Augenblick klingt das Ergebnis noch besser, als es am Ende sein wird. "Von 508 Stimmen sind 506...", sagt die Vorsitzende der Zählkommission und macht plötzlich eine lange Pause, "...gültig". Ein Raunen geht durch den Saal des Hamburger Kongresszentrums. Dann kommt das wirkliche Resultat für Kurt Beck: 95,5 Prozent. Nach eineinhalb Jahren, in denen der SPD-Vorsitzende viel Kritik von den Medien, aber auch einige Mäkelei aus den eigenen Reihen vernehmen durfte, ist das ein starkes Ergebnis. 17 von mehr als 500 Delegierten haben gegen ihn votiert.

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Mit fast 96 Prozent der Stimmen wiedergewählt: Kurt Beck (© Foto: AFP)

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Franz Müntefering ist nicht der erste Gratulant, aber derjenige, dessen Hand Kurt Beck am längsten hält. Müntefering gibt Beck einen kurzen Klaps, der Parteivorsitzende klapst zurück. Umarmen wollen sie sich nicht. Es ist keine Demonstration der Einigkeit, eher eines Waffenstillstands. Man muss diesen Moment wohl als einen Höhepunkt bezeichnen, allein, weil dieser Tag so wenig andere zu bieten hat. Der Parteitag der SPD verläuft in fast erschreckender Weise, wie es zu erwarten war, im Guten wie im Schlechten. Und Kurt Beck ist die Personifizierung dieses Gegensatzes.

Es ist früh am Morgen, als Michael Naumann, feuilletonistischer Feingeist und Spitzenkandidat der Sozialdemokraten in Hamburg, die Delegierten mit der ersten Rede des Tages begrüßt. Es ist eine Rede, die als linker Leitartikel hübsch zu lesen gewesen wäre, beim Zuhören aber eher ermüdend wirkt, auch weil sie die Länge eines Grußwortes bei weitem überzieht.

Immerhin gelingt es Naumann, Helmut Schmidt recht würdevoll zu begrüßen, für den sich die Partei alsbald erhebt. Schmidt freut sich sichtlich über den Applaus, wirkt fast ein wenig gerührt, aber vielleicht noch ein bisschen wichtiger ist für ihn, dass die Partei ihm erlaubt, im Saal zu rauchen. Immer wieder ziehen die weißen Schwaden aus dem Mund des einen Altkanzlers genau ins Gesicht des anderen Altkanzlers Gerhard Schröder. Für den erhebt sich die Partei übrigens auch, obgleich einige Delegierte ein bisschen arg demonstrativ und mit verschränkten Armen sitzen bleiben.

Der Altkanzler gleicht aus

Schröder hat Naumann nicht wirklich zugehört. Statt dessen hat er immer wieder die handschriftlichen Notizen seiner eigenen Rede inspiziert, die vor ihm auf dem Tisch liegen, sie wieder zurückgelegt, sie wieder zur Hand genommen und wieder zurückgelegt.

Nervosität? Schröder weiß, dass ihm die Delegierten sehr genau zuhören werden, wie er sich im Streit um seine eigene Reformpolitik positioniert, der die Partei, ihren Vorsitzenden Kurt Beck und Vizekanzler Franz Müntefering in den vergangenen Wochen so gespalten hat wie zuletzt in jener Zeit, als diese Politik begonnen wurde.

Naumann ruft Schröder mit den Worten aufs Podium, die Partei möge ruhig zugeben, es ihm nicht immer leicht gemacht zu haben. Schröder antwortet: "Ich euch auch nicht." Das kann man an diesem Tag nicht sagen, jedenfalls macht er es der Partei nicht schwer, ihn zu verstehen: Viele Erfolge, die heute von "den anderen" für sich in Anspruch genommen würden, gingen doch in Wahrheit auf die Zeit sozialdemokratischer Regierung zurück. Klimaschutz, Zuwanderung, Familienpolitik: "Ihr seid das Original", ruft Schröder der SPD zu, "die anderen sind nur das Plagiat." Und dann kommt er zu dem Punkt, auf den hier alle warten: die Agenda 2010.

Keine Moses-Vergleiche

"Niemand muss sich ängstigen, ich verwende keine alttestamentarischen Bilder", verspricht Schröder lächelnd. Franz Müntefering, der kürzlich als Moses Opfer eines solchen Bildes wurde, legt nun die Miene auf, die in der Fraktion gerne das Breschnew-Gesicht genannt wird: starr, kantig, unlesbar. Für Veränderungen an der Agenda formuliert Schröder, ohne das Arbeitslosengeld zu erwähnen, einen Leitsatz: "Das Bessere ist des Guten Feind - das Bessere, nicht das Populäre."

Das aber darf man nun mindestens so eindeutig, wie das Moses-Zitat Müntefering veräppelte, als Spitze gegen Beck verstehen. Und doch ist es ein geschickter Satz, weil es nun 1:1 steht zwischen Beck und Müntefering und keiner mehr als der bessere Nachlassverwalter Schröders gelten muss.

Es ist 10.46 Uhr, als der Parteivorsitzende seine Rede beginnt. Und es dauert nicht lange, bis Kurt Beck indirekt auf die zurückliegende Auseinandersetzung zu sprechen kommt. Er versucht, sie zum Normalfall zu erklären: "Wollen wir wirklich eine Partei sein, die sich untersagen lässt, mit offenem Visier zu streiten und Beschlüsse zu finden, die am Ende von allen mitgetragen werden?" Die Antwort gibt er selbst: "Das wird die demokratische Kultur der Sozialdemokraten bleiben", ruft Beck. Alle klatschen. Auch Franz Müntefering.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie während seiner Rede alles, aber auch alles aus Kurt Becks Kopf herauskam.

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