SPD-Parteitag Die Krönung von "Mega-Martin"

Die wochenlange Euphorie der SPD-Anhänger erreicht auf dem Sonderparteitag in Berlin ihren Höhepunkt. Dagegen sind selbst Satire und die Junge Union machtlos.

Von Antonie Rietzschel, Berlin

Die Technik streikt. Die Leinwände zeigen ein ruckelndes Standbild von Martin Schulz. Doch die Panne währt nur kurz. Nach einer Minute laufen die Bilder wieder flüssig über die großen Leinwände. Schulz im Gespräch mit Arbeitern, Schulz im Gespräch mit einer jungen Frau, Schulz auf Wahlkampftour. Slogans werden eingeblendet: "Er ist glaubwürdig", "Er ist einer von uns". Dazu Rockmusik, stampfend wie eine Lokomotive. Bei "Er ist hier" wird der Saal hell und der große Jubel bricht los.

Die SPD hält einen Sonderparteitag in Berlin ab, um Martin Schulz zu ihrem neuen Parteichef zu küren. Solche Veranstaltungen werden auch "Krönungsmesse" genannt. Ein festlicher Begriff für häufig dröge Zeremonien. Die große Ausnahme ist natürlich Schulz: Die SPD wählt ihn tatsächlich einstimmig, mit 100 Prozent der Stimmen, offiziell zu ihrem Parteichef und Kanzlerkandidaten.

Martin Schulz mit 100 Prozent zum SPD-Parteichef gewählt

In seiner Rede spricht sich Schulz erneut für mehr soziale Gerechtigkeit aus. Die Union attackiert er beim Thema Steuern. mehr ...

Dass der Aufstieg von Schulz auch die Geschichte eines Abschieds ist, stört die Stimmung nicht. Sigmar Gabriel gibt seinen Ausstand und sagt: "Das Amt des SPD-Vorsitzenden abzugeben, war sicher eine der schwersten Entscheidungen meines Lebens, aber auch eine der richtigsten." Ansonsten gebe es keinen Grund für Melancholie. Schließlich sei das der "fröhlichste Übergang zu einem neuen Parteivorsitzenden, den unsere Partei in den letzten Jahrzehnten erlebt hat".

100 Prozent Zustimmung: Die hohen Werte sind ein neuer Superlativ in der noch kurzen Ära Martin Schulz. "Mega-Martin", wie ihn seine Anhänger nennen, beschert der SPD ein Umfragehoch. Seine Nominierung Ende Januar brachte der SPD 13 000 Neueintritte, 150 von ihnen sind angeblich auch an diesem Tag Zeuge seiner Krönung.

Wer Schulz regelmäßig reden hört, kann viele Passagen inzwischen mitsprechen

Die Gefahr dieses Hypes besteht darin, dass die SPD ihn immer weiter voran treiben muss. Beim Sonderparteitag wird deutlich, wie gut die Maschinerie immer noch läuft. Schulz beginnt seine achtzigminütige Rede mit der Geschichte, die alle so gerne hören - seiner eigenen: Der Sohn einer Hausfrau eines Polizisten, faul in der Schule. Einer, der sich kurz vor dem Absturz gefangen hat. "Ich bin ein Mann aus einfachen Verhältnissen", sagt Schulz. Er schaut zurück auf die Biografien vorangegangener SPD-Vorsitzender. Schulz zitiert den Satz des früheren SPD-Chefs Otto Wels, der im Reichstag der Weimarer Republik die Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz verweigerte: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." Ein Gänsehautmoment.

Doch wer Schulz regelmäßig reden hört, kann viele Passagen mittlerweile mitsprechen. So wie diese: "Wer die freie Berichterstattung als Lügenpresse bezeichnet, wer selektiv mit den Medien umgeht, legt die Axt an die Wurzeln der Demokratie - ob er Präsident der Vereinigten Staaten ist oder ob er in einer Pegida-Demonstration mitläuft." Seine Anhänger wollen diese Sätze immer noch hören, dafür gibt es minutenlange stehende Ovationen.

Schulz wird von einer Kulisse eingerahmt, die die Partei nicht besser hätte wählen können. Keine Messehalle, kein Kongresszentrum, sondern die Arena Berlin. In den Zwanziger Jahren als Betriebshof genutzt, ist der große Backsteinbau heute ein rauer, ehrlicher und auch deswegen angesagter Ort. Das alte Industriegelände beherbergt einen Flohmarkt, der an diesem Sonntag geöffnet hat. Aber auch eine große Konzerthalle. Das passt zum Image von Martin Schulz, dem Superstar mit einem großen Portfolio an Merchandise.

Mitglieder der Jusos, der Jugendorganisation der SPD, verteilen Jutebeutel mit der Aufschrift "Straight Outta Würselen" - eine Anspielung auf die Herkunft von Schulz. "London, New York, Paris, Würselen", lautet eine andere Aufschrift.

Die Verehrung von Martin Schulz hat ein Maß erreicht, dem selbst die Satire nicht mehr beikommen kann. Draußen vor der Arena steht Tobias Schlegl, der häufig Beiträge für die Satiresendung "Extra3" dreht, und hält ein Schild in der Hand mit der Aufschrift "Geiler gehts nicht". Schulz wird aber selbst von SPD-Anhängern bisweilen als "geile Sau" betitelt.

Schließlich bleibt auch dem politischen Gegner nichts anderes übrig, als sich an dem Hype abzuarbeiten. Die Junge Union hat auf der Spree, direkt gegenüber der Arena, ein Schiff geparkt. Auf einem Transparent bittet sie Schulz um ein Wunder: "Hey Gottkanzler! Wenn Du übers Wasser laufen kannst, komm rüber", ist darauf zu lesen. An einem Tag, an dem die sonst notorisch zerstrittene SPD mit 100 Prozent einen neuen Parteichef wählt, scheint auch das nicht mehr unmöglich.

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