Claudia Roth auf SPD-Parteitag Grüne Klunker, rote Bluse, rot-grüne Visionen

Zum ersten Mal spricht eine Grünen-Vorsitzende auf einem SPD-Parteitag. Claudia Roth macht das so engagiert quietschig wie immer - und ist damit eine fast willkommene Gegensätzin zu seriösen SPD-Großlangweilern.

Von Kurt Kister, Augsburg

Die rot-grüne Koalition ist die Koalition von morgen, sagt Sigmar Gabriel, als er den Parteitag in Augsburg eröffnet. Nun ja, zunächst ist die Koalition von SPD und Grünen, zumindest im Bund, auch die Koalition von vorgestern, jedenfalls dann, wenn man, wie Gabriel, die schwarz-gelbe Koalition im Bund für das Bündnis von gestern hält. Also soll die Regierungsallianz von vorgestern so etwas werden wie die Regierung von morgen. Das heißt nahezu unabweisbar, dass Schwarz-Gelb die Koalition von übermorgen ist.

Seltsame Gedanken? Nein, gar nicht. Bei der SPD hat man erkannt, dass allein nichts zu gewinnen ist, aber durchaus alles verloren werden kann. "Ein klares Ja für Rot-Grün und nix anderes", ruft Gabriel in seiner elend langen Eröffnungsrede. Und weil die Möglichkeit einer großen Koalition zumindest offiziell nicht mal erwähnt werden soll, wollen die Sozen beim Augsburger Parteitag zeigen, dass sie es mit Rot-Grün ernst meinen.

Zeigen ist dabei wörtlich gemeint: Man soll Rot-Grün auf diesem Parteitag sehen können, es soll Bilder geben. Und deswegen ist Claudia Roth eingeladen, die auf ihre Weise eine interessante Brücke zwischen Vorgestern und Morgen darstellt. Man weiß allerdings nicht so ganz genau, ob es mit jenem Teil der Grünen, den Roth personifiziert, vom Vorgestern ins Morgen geht oder möglicherweise auch andersherum.

Auftritt Claudia Roth. Sie ist bunt wie immer: die Haare gelb, die Halskette dicke grüne Klunker, die Bluse rot, der Gehrock irgendwie pepita. Äußerlichkeiten? Gewiss, aber für Roth sind diese Äußerlichkeiten eben auch Teil ihres Programms, sie gehören zur politischen Marke Claudia Roth. Sie ist auf ihre spezielle Art auch beim SPD-Parteitag so engagiert quietschig wie immer und in dieser Hinsicht eine fast willkommene Gegensätzin zu seriösen SPD-Großlangweilern wie Thorsten Schäfer-Gümbel oder Erwin Sellering.

Claudia Roth bekommt großen Beifall

Roth beginnt ihre Rede mit Lob für die SPD, allerdings mehr für die historische SPD. Dann lobt sie Augsburg, Bert Brecht und Multikulti. Aus Augsburg, Brecht und SPD folgt dann für Roth als nahezu einzige Möglichkeit Rot-Grün. In schneller Folge nennt sie außerdem weitere Zeugen: Franz von Assisi, Christian Ude und die Frauen der Welt. Sie alle sprechen für Rot-Grün, wobei es gar nicht so sehr darauf ankommt, warum sie das tun, sondern eher darauf, dass Claudia Roth in konstant hoher Lautstärke sehr viele Floskeln hintereinander hinausballert: frisierte Armutsberichte, Mobilisierung, Sündenbock, schlechteste Bundesregierung aller Zeiten...

Das hört sich an, wie eine die kämpft. Und da in der Politik Kampf schon häufig nur darin besteht, dass jemand besonders laut, guttural und konfliktphrasenreich redet, erfüllt Roth das, was die meisten Sozialdemokraten in der Messehalle erwarten: Sie macht Stimmung, und zwar eine Art von Stimmung, die weder Gabriel bis dahin hingekriegt hatte noch der überironisierende Ude oder gar der moderierende Schäfer-Gümbel.

Claudia Roth bekommt großen Beifall. Zwar tut man sich etwas schwer, schon fünf Minuten nach dieser Rede zu sagen, was sie eigentlich im Einzelnen so erzählt hat. Ist aber auch eigentlich egal, denn wie gesagt es ging um Bilder und um die Erfüllung des Satzes, dass "erstmals auf einen SPD-Parteitag eine grüne Vorsitzende" gesprochen habe. Roth trat auf als ein Symbol für Rot-Grün. Das hat sie gut hingekriegt. Vielleicht auch weil es unter den SPD-Größen auf dem Podium niemanden gibt, dem man die Leidenschaft für Rot-Grün so abnimmt wie der Grünen-Chefin.

Ach so, Claudia Roth erwähnte den Namen Peer Steinbrück in ihrer Rede nicht. Das war sicher nur ein Zufall.