SPD-Kanzlerkandidat Mit Steinbrück volles Risiko

Im Grunde ist er einfach übrig geblieben. Peer Steinbrück hat länger durchgehalten, wollte die Kandidatur ein bisschen mehr als die anderen potenziellen Kanzlerkandidaten der SPD, Steinmeier und Gabriel. Kanzlerin Merkel hat damit einen echten Gegner. Und die SPD womöglich ein Problem mehr.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Schon die Reihenfolge deutet an, vor welchem Problem die SPD jetzt steht. Erst hat sich SPD-Chef Sigmar Gabriel aus dem Rennen verabschiedet. Jetzt offenbar auch Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Und übrig bleibt halt Peer Steinbrück, ehemaliger Finanzminister und Verlierer der NRW-Landtagswahl von 2005.

Steinbrück wird einen guten Kandidaten abgeben. Er ist das Gegenmodell zur abgeklärten Pragmatikerin Angela Merkel. Laut, aufbrausend, fordernd. Er ist einer, der verdammt gerne recht behält und Leute, die ihm nicht das Wasser reichen können, das auch spüren lässt. Und das Wasser reichen kann ihm fast niemand - aus seiner Sicht zumindest.

Er wird sicher erkennbarer sein im Bundestagswahlkampf als der blasse Steinmeier 2009. Der könnte eigentlich zwar mehr, wenn er will. Aber er will nicht. Das hat er zuletzt mit seiner Rede in der Haushaltsdebatte Anfang des Monats gezeigt. Uninspiriert plätscherte sie dahin. Hätte er noch kämpfen wollen, hätte das anders klingen müssen. Jetzt also Steinbrück gegen Merkel. Das ist Krawall gegen Kontrolle. Rock 'n' Roll gegen Sachlichkeit. Scharfzüngigkeit gegen verbale Monotonie.

An sich keine schlechten Voraussetzungen. Nur: Leider finden die Leute das bodenständige Merkel-Modell im Moment besser. Merkels Zustimmungswerte sind bombastisch. Wechselstimmung ist nicht in Sicht, zumindest nicht was die Kanzlerin angeht. Sollen doch ruhig Rote und Grüne (mit)regieren - solange nur Merkel Kanzlerin bleibt. Ein SPD-Kandidat, der gegen Merkel holzt, könnte sich ganz schön unbeliebt machen im Volk.

Steinbrück als Kandidat bedeutet volles Risiko. "Ich werte Steinbrücks Ankündigung zuallererst als Zeichen, dass die SPD jetzt ernsthaft in den Kampfmodus gegen Merkel schaltet", teilt Steffi Lemke, politische Bundesgeschäftsführerin der Grünen, per Twitter mit. Was auch passieren kann: Die SPD bekommt wieder die Hucke voll. Die 23 Prozent von 2009 lassen sich zwar schwer unterbieten. Aber alles unter 30 Prozent bedeutet große Koalition. Höchststrafe für die Sozialdemokraten.

Steinbrück hat aber schon klargemacht: Unter Merkel will er nichts werden. Eine große Koalition wird es mit ihm - wenn überhaupt - nur unter seiner Führung geben. Alles oder nichts. So will es Steinbrück. Das heißt auch: Die SPD muss wieder in die Mitte. Nur da gewinnen die Volksparteien Wahlen. Das wird die SPD-Linke auf den Plan bringen. Sie lehnt Steinbrück ab, denn der findet leider bis heute die verhasste Agenda 2010 gut.

Und noch ein Problem: Ein Kandidat Steinbrück ist die fleischgewordene Mobilisierungshilfe für die Linke. Je stärker die Linke, desto schwächer die SPD. Was Steinbrück rechts der SPD an Stimmen einsammelt, verliert er links. Es wäre Aufgabe der Grünen, am linken Rand aufzufangen, was die SPD auf dem Weg Richtung Mitte hinter sich lässt. Nur wenn das gelingt, kann es auch eine rot-grüne Mehrheit geben. Die Grünen aber fischen längst auch rechts der Mitte, stehen fast schon mehr in Konkurrenz zu CDU und FDP. Klar links sind nur noch die Linken.

Alles deutet deshalb auf eine große Koalition hin. Auch weil eine Lagerkoalition Schwarz-Gelb oder Rot-Grün nahezu unmöglich ist, wenn mit den prozentualen Kleinparteien Piraten, FDP und Linken zusammen sechs Parteien der Einzug in den Bundestag gelänge.

Steinbrück wird hinwerfen müssen, wenn es dazu kommt. Und dann? Dann wird Gabriel wohl Vizekanzler unter Merkel. Er muss das machen, wenn er noch Parteichef ist. Einer muss die Partei mitnehmen. Das kann nur er. Steinbrück wird sich dann einreihen müssen in die lange Reihe der gescheiterten SPD-Kandidaten. Aber er hat es wenigstens versucht.

Kavallerist mit losem Mundwerk

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