SPD-Kandidat So will Steinbrück die Kanzlerin schlagen

Ex-Finanzminister Steinbrück fordert Kanzlerin Merkel heraus. Wie er das anstellen will, davon hat er an diesem Montag einiges durchblicken lassen. Wie schnell er auf 180 sein kann, ebenfalls. Und SPD-Chef Gabriel reagiert bissig auf Vorwürfe, er habe gelogen.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Unter Merkel will er nicht, mit der FDP vielleicht. Mit den Linken geht es nicht. Und mit den Piraten? Nur so viel: "Ahnungslosigkeit ist keine politische Kunstform." Das war wohl ein Nein.

Peer Steinbrück, frisch gekürter Kanzlerkandidat der SPD, steckt im Atrium des Willy-Brandt-Hauses sein Terrain ab. Die Mitarbeiter des Hauses haben sich versammelt, um ihm zu applaudieren. Müssen sie auch. Er ist jetzt für ein Jahr der Chef.

Steinbrück kann sich maximale Offensive leisten. Dass er Kanzler wird, ist nach aktuellen Umfragen im Moment noch eher unwahrscheinlich. Also schließt er einfach alles aus, was ihm nicht gefällt. Sollte es doch zu einer großen Koalition kommen, wäre er ohnehin nicht mit dabei. So viel ist schon sicher. Wie gesagt: Unter einer Kanzlerin Merkel, das hat Steinbrück mehrfach versprochen, will er nichts werden.

Der Merkel-Herausforderer steht rechts von Parteichef Sigmar Gabriel und links von Willy Brandt, der als überlebensgroße Bronzeskulptur über die Pressekonferenzen wacht, die hier in der Berliner SPD-Zentrale abgehalten werden. Also: in der Mitte.

Der "bessere Teil" der großen Koalition

Mitte ist da, wo die Parteilinke schon aus Prinzip nicht ist. Wohl deshalb forderte Steinbrück am Wochenende "Beinfreiheit", wenn er sich schon als K-Kandidat für die SPD ins Zeug lege. Das habe er heute im Parteivorstand auch nicht weiter erklären müssen. Einstimmig war das Ergebnis. Was auch heißt: Die Linken in der SPD haben verstanden. Vorerst zumindest.

Gabriel ist zuversichtlich: "Die SPD und Steinbrück haben den gleichen Herzschlag." Wenn das so ist, dann muss sich in letzter Zeit entweder an Steinbrücks Herzfrequenz etwas geändert haben - oder an der seiner Partei.

Ein wenig blitzt durch, wie sich Steinbrück einen Wahlkampf gegen die übermächtig wirkende Angela Merkel vorstellt. Er will schlechtes Regierungshandwerk bloßlegen, zeigen, dass selbst in der großen Koalition die SPD der "bessere Teil" gewesen sei. Er will "Etikettenschwindel" herausarbeiten, mit dem sie die CDU sozialdemokratischer erscheinen lasse als sie sei. Mindestlohn ist da so ein Thema. Die CDU will ihn auch, nur habe der nichts mit dem flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn zu tun, den die SPD wolle.

Wahlkampf soll lustiger werden

Und er mosert über Merkels Management der Euro-, Banken- und Schuldenkrise. Merkel fehle jede Vision. Natürlich brauche es das akute Krisenmanagement. Aber, zitiert Steinbrück den alten SPD-Fahrensmann Peter Struck: "Mit Merkel kann man gut und sicher fliegen. Aber ich weiß nicht, wo ich mit ihr lande."

Steinbrück will eine "neue Erzählung von Deutschland", will erklären, wo Deutschland in zehn Jahren stehen soll. Die Themen sind nicht neu: gleiche Bezahlung für Mann und Frau, für Stamm- und Leihbelegschaft. Mindestlohn, Verhinderung einer weiteren Spaltung des Arbeitsmarktes. Eindämmung des "enormen Drifts von Einkommen und Vermögen".

Und lustig soll der Wahlkampf werden, unterhaltsam. Mit neuen Formaten will Steinbrück auf die Leute zugehen. Er will keine Veranstaltungen, wo erst "Glück auf, der Steiger kommt" geschmettert wird, dann ein paar Reden gehalten werden und danach alle nach Hause gehen. Was einige Freunde sozialdemokratischer Traditionspflege weniger freuen dürfte. Eine Internetoffensive wird es mit ihm aber wohl kaum geben. Steinbrück ist so offline, dass er sich im Zweifel die neuesten Tweets zu seiner Person aufs Fax legen lassen würde.