SPD-Kanzlerkandidat Schulz empört die Golfer

Der SPD-Kanzlerkandidat hat ein Wortspiel für sich entdeckt, das den Präsidenten des Deutschen Golfverbandes zu einem offenen Brief veranlasst.

Von Kim Björn Becker

Es ist Wahlkampfzeit in Deutschland, und für den in Umfragen abgeschlagen hinter der Union liegenden SPD-Kandidaten Martin Schulz heißt das: Attacke auf alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Am stärksten bekommt das Bundeskanzlerin Angela Merkel zu spüren. Ihr hatte Schulz vor einigen Wochen einen "Anschlag auf die Demokratie" vorgeworfen - weil sie, Merkel, sich angeblich vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihrem Herausforderer drücke. In der Sache schon irgendwie richtig, sagten damals viele, bloß der Tonfall, nun ja. Beim Wort Anschlag denke man ja in diesen Zeiten doch eher an Terroristen als an die Kanzlerin.

Der Ärger über den verbalen Angriff ist gerade erst verflogen, da hat Schulz sich schon ein neues Ziel ausgesucht. Es geht diesmal aber gegen keinen Politiker, nicht einmal gegen eine Partei oder sonst jemanden, der Martin Schulz bei der Wahl im September Stimmen kosten könnte. Nein, im Mittelpunkt stehen ausgerechnet die deutschen Golfspieler. Deren Verband fühlt sich einer Diffamierungskampagne durch den SPD-Kanzlerkandidaten ausgesetzt.

Gewiss, Golfer gelten hierzulande als elitäre Besserverdiener mit zu viel Freizeit. Einen großen Anteil an SPD-Wählern wird dort nicht vermuten, wer diesem Klischee anhängt. Insofern mag es ja durchaus folgerichtig sein, dass Martin Schulz seine Kundgebungen lieber auf deutschen Marktplätzen abhält anstatt in den Clubhäusern draußen im Grünen. Und doch fragt man sich, was da vorgefallen sein muss zwischen dem Kandidaten und dem Sportverband.

DGV-Chef Kobold schreibt einen offenen Brief als Reaktion auf Schulz' Wortspiel

Montagabend in Bremen, Auftakt der Schulz'schen Wahlkampftour. Es geht um die Dieselaffäre, da sagt Schulz mit einem Mal den Satz: "Mich interessieren Golffahrer mehr als die Golfspieler." Die Pointe kommt gut an in der Hansestadt, eine Nachrichtenagentur sendet das griffige Zitat hinaus in die Welt. Ein Tag später, Auftritt Martin Schulz in Rheinland-Pfalz. Der Kandidat steht vor dem Trierer Wahrzeichen, der Porta Nigra, und sagt fast wortgleich einen vom Vortag bekannten Satz: "Mich interessieren die Golffahrer mehr als die Golfspieler." Offenbar gefällt ihm der kleine Seitenhieb auf die vermeintlich elitären Rasensportler so gut, dass er ihn jetzt jedes Mal in seine Wahlkampfrede einbaut.

In Wiesbaden hat man die Worte des Martin Schulz aufmerksam vernommen, doch ganz so lustig wie in Bremen und Trier findet man sie dort offenbar nicht. In der hessischen Landeshauptstadt hat der Deutsche Golfverband (DGV) seinen Sitz, das oberste Organ der knapp zwei Millionen organisierten deutschen Golfer. Der Verband versucht seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich, dass der Sport sein Eliten-Image verliert. Mal wurde versucht, Golf als Schulsport zu etablieren, dazu kümmern sich viele Vereine rührend um Behinderte. Jahrelange Imagepflege - alles perdu, weil Schulz' Redenschreiber da so eine prima Idee mit einem Wortwitz hatte.

Also hat DGV-Chef Claus Kobold am Donnerstag einen offenen Brief an Schulz geschrieben. Der Sozialdemokrat soll die deutschen Golfspieler mit den umstrittenen Auto-Managern gleichgesetzt haben, die den Dieselskandal verursachten - so interpretiert man den Ausspruch beim DGV. Und weil das gar nicht geht, wirft Kobold Schulz eine "Pauschaldiffamierung" der deutschen Golfspieler vor. Die Aussage sei "offensichtlich falsch und beleidigend", rügt Kobold, und überhaupt, Herr Schulz: "Neue Freunde haben Sie sich mit Ihrem Golfvergleich sicherlich nicht gemacht."

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Dann trägt der Verbandschef mit demonstrativer Nüchternheit vor, wie er die Sache mit den Golfern und der Dieselaffäre sieht: "Nicht alle in der Automobilbranche tätigen Menschen sind Golfspieler. Die allerwenigsten Golfspieler haben ursächlich etwas mit dem Abgasskandal zu tun. Mit großer Sicherheit weniger als beispielsweise Politiker." Und noch etwas: "Überraschen wird Sie vielleicht, dass es im Golfsport sehr viele SPD-Sympathisanten gibt oder jetzt möglicherweise gab."

Übrigens gebe es "auch unter Golfspielern viele Golffahrer", merkt Kobold noch an. Ob Martin Schulz seinen Kalauer weiterhin bei jeder Kundgebung abfeuert? An diesem Freitag ist er in der Frankfurter Innenstadt zu Gast. Sollten zufällig Mitglieder des Frankfurter Golfclubs unter den Anwesenden sein, sie werden gewiss ganz genau hinhören.

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