SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Besser offline als unecht

Er will nicht twittern und mag auch Facebook nicht. Ein Skandal? Nein. Peer Steinbrück verhehlt seine Skepsis gegenüber dem Internet nicht, weshalb ihn angebliche Experten als "Offline-Kandidaten" abstempeln. Dabei handelt er im Grunde vorbildlich.

Ein Kommentar von Michael König

Hannelore Kraft hat damals entweder nicht die Wahrheit gesagt, oder sie hat sich maßlos überschätzt. "Twitter und Facebook begleiten mich", schwärmte sie im SZ.de-Interview, "es ist Teil meines politischen Lebens geworden." So gesehen muss Hannelore Kraft nach der Wahl am 13. Mai lange im Koma gelegen haben.

Es dauerte mehr als drei Monate, bis sie sich wieder persönlich zu Wort meldete. Seit dem 18. August, dem Tag ihrer digitalen Wiederbelebung, hat Kraft fünf Tweets selbst geschrieben.

Eine ihrer Botschaften handelte von Peer Steinbrück. Der hatte vor kurzem bekanntgegeben, nicht selbst zu twittern und sich von seinen Mitarbeitern schildern zu lassen, was "dort", also im Internet, passiert. So weit, so erwartbar. Weder als Bundesfinanzminister noch als zuletzt einfacher Bundestagsabgeordneter war Steinbrück dadurch aufgefallen, übermäßig viel auf Bürgerkontakt zu geben. (Es sei denn gegen Bezahlung, aber das ist eine andere Geschichte.)

Der Anti-Parteisoldat

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Den Meinungsmachern im Netz war das lange egal. Aber kaum ist Steinbrück Kanzlerkandidat, steht er am Pranger: Einen "Offline-Kandidaten" nannten ihn beinahe wortgleich die Netzmedien Spiegel Online und tagesschau.de und prophezeiten, die "Verweigerung" könne ihn "Stimmen kosten".

Das mag sein. Aber die Kritik geht in die falsche Richtung. Sie motiviert Politiker dazu, ähnlich wie Hannelore Kraft etwas als Passion auszugeben, wozu ihnen eigentlich die Lust und die Zeit fehlen. Lust und Zeit sind jedoch die Grundvoraussetzung dafür, wirklich an sozialen Netzwerken teilzuhaben, von ihnen zu profitieren und sie zu bereichern.

Dass Politiker weder Lust noch Zeit finden, ist eindeutig beklagenswert. Aber das gilt für die ganze Branche. Als Positivbeispiele werden Steinbrück nun Bundesumweltminister Peter Altmaier und - ausgerechnet - Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegen gehalten. Altmaiers Ruf als Social-Media-Klassenbester stammt allerdings aus seiner Zeit als Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion. Zwar scheint der Faktor Lust weiter vorhanden, doch seine Timeline leidet erkennbar unter dem Zeitmangel, den das Leben als Minister eben mit sich bringt.

Von Merkel ist überliefert, dass sie gerne SMS schreibt. Für Twitter hat sie ihren Regierungssprecher Steffen Seibert, für andere Kanäle eine gut geölte Öffentlichkeitsabteilung. Sie als webaffin darzustellen, ist auch angesichts des jüngsten Auftritts bei einem "Tele-Townhall-Meeting" arg weit hergeholt.

Steinbrück hat noch kein Wahlkampfteam, das ihn bei Twitter, Facebook und Youtube vertritt. Er wird eines bekommen, so viel ist klar. Seine Mitarbeiter werden dann - im schlechtesten Fall - Pressemitteilungen einspeisen. Im besten Fall geben sie Hinweise an den Kandidaten weiter und beantworten sie in seinem Sinne. Dann wäre er immer noch kein "Online-Kandidat". Aber es wäre ein Fortschritt.

Der Autor twittert unter @michikoenig

"Von einiger Selbstverachtung durchdrungen"

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