Von Ralf Wiegand und Jens Schneider

Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner hat bei der Landtagswahl die schlimmste Niederlage in der Geschichte der niedersächsischen SPD eingefahren. Dennoch hält die Partei an ihm fest, denn ein geeigneter Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Nun wird nach Talenten gesucht.

An diesem Montag Wolfgang Jüttner zu sein, ist kein Vergnügen. Der Kandidat, der in der Nacht zuvor die schlimmste Niederlage in der Geschichte der niedersächsischen SPD eingefahren hatte, sieht matt aus, nachdem die Gremien getagt haben.

Soll trotz Niederlage Fraktionschef bleiben: Wolfgang Jüttner (© Foto: dpa)

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Nun ist es früher Abend in Hannover, Jüttner zurück aus Berlin, und die Überraschung lautet: Er bleibt, was er war. Der SPD-Landesvorstand hat den 59-Jährigen gebeten, den Fraktionsvorsitz zu behalten und "den Übergang zu organisieren", wie Landeschef Garrelt Duin sagt. Und Jüttner? Natürlich habe er daran gedacht, ob er gehen müsse. "Aber ich habe Qualitäten, mit der ich der SPD helfen kann."

Die Kritiken zuvor waren einhellig. Jüttner hat, wenn er sich die Zeitungslektüre angetan hat, sogar vom "Sonderfall Niedersachsen" lesen müssen, wo die SPD unter einem besonders schwachen Kandidaten gelitten habe. Unter ihm.

"Man kann ja bei einem solchen Ergebnis nicht anfangen, die Schuld bei jemand anderem zu suchen als bei denen, die diesen Wahlkampf gemacht und diese Themen gesetzt haben", hatte er in der Nacht zuvor gesagt, durch die ihn noch das Adrenalin getragen hatte. Aber Wahlkampf und Themen waren falsch.

"Jetzt zu sagen, wir hatten den falschen Kandidaten, halte ich für billig"

Damit, dass er bleibt, sei der SPD mehr gedient, als wenn "wir Köpfe rollen lassen", sagte Duin. Schon am Abend des Wahldebakels hatte er die Alleinschuld von Jüttner zu nehmen versucht. "Jetzt zu sagen, wir hatten den falschen Kandidaten, halte ich für ziemlich billig", sagte er da. Die SPD habe fälschlicherweise versucht, die Klientel der Linken zu versorgen und dabei die breite Wählerschaft aus den Augen verloren, die Mindestlohn und Hartz IV nicht direkt etwas angeht.

Jüttner zu schützen ist anständig, wirkt aber ein wenig bemüht. Die linke Position der SPD in diesem Wahlkampf ist ja vor allem ihrem linken Spitzenkandidaten geschuldet gewesen, dem Agenda-Gegner Wolfgang Jüttner, den die 30,3 Prozent geschockt hatten: "Ich habe bis zum Schluss mit mehr gerechnet." Er persönlich punktete zwar in seinem Wahlkreis Hannover-Linden, den er gewann - die Partei aber verlor auch dort, weil die Linke zweistellig auftrumpfte.

Dass Jüttner bleiben soll, hat auch etwas damit zu tun, dass ein anderer Fraktionschef nicht in Sicht ist. "Wir haben große Talente in der Fraktion, auf die wir in Zukunft bauen können", sagte Duin zwar. Aber auf der Suche nach einem Nachfolger für Jüttner landete die SPD doch wieder bei Jüttner. Für die Spitzenkandidatur im Jahr 2013 bedeute das aber nichts.

Am schnauzbärtigen Fraktionschef hatte es schon früh Zweifel gegeben. Zwar genoss er große Sympathien in der SPD, weil sein Herz links schlägt. Auch nach der Niederlage bekam Jüttner langen, trotzigen, Beifall, der ihn beinahe aus dem Konzept brachte: "Ihr bringt meinen ganze Zeitplan durcheinander."

Aber schon im Sommer hatte es SPD-intern eine heftige Diskussion über Jüttner, den loyalen Parteisoldaten, gegeben, weil der in der VW-Affäre gerne mal die Presse beschimpfte - die korrupten Genossen aber standhaft verteidigte.

Damals soll Duin, ein Ostfriese von einschüchternd großer Gestalt, dem braven Jüttner Feuer gemacht haben, sich von den sündigen Fraktionsfreunden abzusetzen - oder die Spitzenkandidatur zu vergessen. Ersatzkandidat wäre gewesen: Garrelt Duin. Nun werfen ihm die Genossen vor, damals gekniffen zu haben.

Auch Landeschef Duin wäre wohl chancenlos gewesen

Gegen Christian Wulff wäre diesmal wohl auch mit Duin nichts auszurichten gewesen, und dann wären gleich zwei Kandidaten in einem aussichtslosen Rennen verschlissen worden. So ist nur der ältere Jüttner angeschlagen, der jüngere Duin aber, erst 39, kann wieder relativ unbelastet als Landesvorsitzender kandidieren.

Der Parteitag ist allerdings von Februar in den Sommer verlegt worden; eine "Zukunftskommission" soll zunächst analysieren, was organisatorisch, finanziell und thematisch zu tun ist.

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(SZ vom 29.01.2008/dmo)