Entscheidung der SPD-Spitze Der Abschied von Gabriel ist verständlich, aber töricht

Schon lange hat kein SPD-Politiker mehr so breite Unterstützung in der Bevölkerung genossen. Die Parteiführung hätte sich diese Stärke zunutze machen müssen.

Kommentar von Heribert Prantl

Die neue SPD-Führung wird Sigmar Gabriel nicht mehr ins Kabinett holen; sie hat dem derzeit beliebtesten Sozialdemokraten den Laufpass gegeben. Diese Entscheidung steht ihr zu, das gehört zur Souveränität einer Parteiführung. Eine souveräne Entscheidung ist das aber nicht. Sie ist verständlich, aber töricht. So viele Talente hat die SPD nicht, als dass sie auf das größte verzichten könnte. Gabriels Aus im Bundeskabinett stärkt womöglich die neue Parteiführung, weil sie nicht fürchten muss, dass der frühere Parteichef ihr in die Quere kommt. Dieser Verzicht auf Gabriel schwächt aber die Partei, weil sie von starken Persönlichkeiten lebt. Einer guten Parteiführung gelingt es, die Egomanien ihrer starken Persönlichkeiten zu bündeln.

Es heißt, das ginge mit Gabriel nicht. Es heißt, er sei zu stark, um ihn zu bändigen und einzubinden. Es heißt, Andrea Nahles handele nun merkelig. Merkel habe ja auch alle Konkurrenten weggeräumt, die ihr womöglich hätten gefährlich werden können. Das war gewiss so, das hat die Position Merkels vorübergehend gestärkt, das hat ihre Partei aber geschwächt. Und das hat letztlich dazu geführt, dass sie in der Person von Jens Spahn ihren derzeit größten und hartnäckigsten innerparteilichen Kritiker zum Minister machen musste. Im übrigen war die CDU bei den Verdrängungsstrategien der Angela Merkel in anderer Lage als die SPD heute. Sie stand gut da, sie musste nicht, wie die SPD heute, ums Überleben kämpfen.

Stationen einer Karriere

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Die CSU hat gezeigt, wie man mit Rivalitäten umgehen kann. Nach langem Streit hat es einen Modus Vivendi zwischen Horst Seehofer und Markus Söder gegeben. Es wurde - zu Recht - viel gefeixt und viel gespottet über die Rivalitäten der beiden. Tatsache ist: Beides sind starke Politiker und der CSU ist es, bei allem Streit, bei allen Animositäten und Zerwürfnissen, gelungen, sich diese Stärken zunutze zu machen.

Für Gabriel haben sich frühere SPD-Parteivorsitzende eingesetzt. Für Gabriel haben sich Gewerkschaftsvorsitzende eingesetzt. Für Gabriel haben sich Intellektuelle eingesetzt, an der Spitze Jürgen Habermas. Es war, getragen auch von einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung, eine Bewegung, wie es sie für einen Sozialdemokraten schon lange nicht mehr gegeben hat. Fast wurden Erinnerungen an die Wahlkämpfereien für Willy Brandt wach. Aber das sind Nostalgien.

Die SPD muss sich neu finden. Dass die Parteiführung dies mit dem Verzicht auf einen starken Politiker beginnt, ist schade. Gabriel hat dazu eine durchaus noble Erklärung abgegeben. Es wäre besser für ihn gelaufen, wenn er diese Noblesse schon früher gezeigt hätte.