Der Ordnungsrufe des Parteichefs zum Trotz: Die SPD ist mit sich selbst nicht im Reinen. Jenseits der persönlichen Hakeleien zeigen sich drei klare Konfliktlinien.
Es ist gerade mal ein paar Tage her, da schienen auf dem Weg der SPD zum Parteitag Ende Oktober alle Unebenheiten beseitigt. Es gab einen Kompromiss zur Wehrpflicht, eine Annäherung im Streit um die Bahnreform sowie die faire Entscheidung von Kurt Beck, den Delegierten eine Debatte über Afghanistan nicht vorzuenthalten. Der inhaltliche Streit in Hamburg durfte als kalkulierbar gelten, Becks Personalpaket als ungefährdet - alles bereitet für einen zweiten Start des bislang glücklosen Vorsitzenden.
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Kurt Beck: Der Parteitag wird zur echten Bewährungsprobe für den SPD-Chef. (© Foto: AP)
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Aber die SPD wäre nicht die SPD, wenn jetzt einfach Ruhe wäre. Nachdem die Details gelöst sind, empfinden führende Sozialdemokraten nun mal wieder Lust auf einen Streit ums Grundsätzliche. Auch das gehört zu dieser Partei wie der Riesling zu Kurt Beck. Doch die Unfreundlichkeiten, mit denen diese Debatte nun ausgetragen wird, offenbaren, dass alle Moderation der vergangenen Wochen den grundsätzlichen Missstand nicht überdecken konnte: Die SPD ist mit sich selbst nicht im Reinen.
Erbe der Agenda 2010
Jenseits der persönlichen Hakeleien zeigen sich drei klare Konfliktlinien. Erstens das Erbe der Agenda 2010. Die Forderung der Linken nach einer Bestandsaufnahme dessen, was erreicht wurde und was nicht, trifft die Stimmung an der Basis.
Sie ist auch vertretbar, solange daraus nicht eine nostalgische Bewegung zurück in alte Zeiten wird. Diese Gefahr jedoch besteht, wenn viel über Fehler und zu wenig über Erfolge geredet wird.
Umgekehrt tun sich Schröders Nachlassverwalter wie Steinbrück, Steinmeier, Müntefering und Platzeck keinen Gefallen, wenn sie die richtige, aber teilweise auch chaotisch verlaufene Modernisierung unter Rot-Grün nun nachträglich mit dem Dogma der Unfehlbarkeit versehen. Ihr Alt-Kanzler selbst hat Reformpolitik am Ende seiner Amtszeit als einen Prozess beschrieben, der nie abgeschlossen ist.
Zukunft des Sozialstaats
Der zweite Konflikt betrifft das für Sozialdemokraten elementare Thema der Zukunft des Sozialstaats. Es berührt unmittelbar die Frage, was Gerechtigkeit eigentlich sein soll.
Die Definition eines vorsorgenden Sozialstaates, um die es am Anfang der Grundsatzprogramm-Debatte ging, könnte nun noch misslingen. Mittlerweile sucht sich ein jeder aus diesem Konzept heraus, was ihm an Fortschritts- oder Bedrohungspotential gerade in den Kram passt. Hier trägt auch der Parteichef Verantwortung, weil er sich den Begriff zwar zu eigen gemacht, ihn aber nie mit Leben erfüllt hat.
Ungelöst ist drittens das Verhältnis zwischen Partei und Regierung. Einerseits die Politik der Großen Koalition als sozialdemokratisch geprägt zu verkaufen, andererseits aber an dieser Regierungsbeteiligung fast zu verzweifeln, passt nicht zusammen.
Und so wird der Parteitag aller Voraussicht nach doch zu einer echten Bewährungsprobe für Kurt Beck. Der Parteichef wird führen müssen, glasklar. Womöglich erkennt er noch rechtzeitig, welche Chance darin sogar für ihn persönlich liegt.
- Der SPD-Kanzlerkandidaten-Check Kurt, go home 03.09.2007
- Der SPD-Kanzlerkandidaten-Check Hier kommt Kurt 30.08.2007
- Becks Buchmontag Ärger unter Auguren 04.09.2007
(SZ vom 4.9.2007)
Sanierung gescheitert
Zum Beispiel Heribert Prantls vorzüglichen Kommentar über "Die organisierte Entwürdigung der Alten" (http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/208/130977/). Vielleicht beantworten Sie sich dann selbst die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der top-modernen gesellschaftlichen Haltung gegenüber den Alten (Schwachen, nichts mehr "Leistenden") und einer von der Politik und den Medien in das Land getragenen Diskussion über die dringend notwendige Einschränkung des *Sozialen* im Staate besteht. Der scheinbar so dringenden Notwendigkeit, in allen Bereichen die Frage nach dem wirtschaftlichen Nutzen, dem Profitablen zuallererst zu stellen. Beantworten Sie sich selbst die Frage, wie Sie behandelt werden möchten, falls es mal in Ihrem Leben zu einer unglücklichen Lage kommen sollte, in der Sie die unvoreingenommene Hilfe anderer bedürfen. Möchten Sie prima vista etikettiert sein als potentieller Sozialschmarotzer?
Wenn Sie der Meinung sind, daß das rein gar nichts mit Schröder & Co. zu tun hat, bzw. diese daran gänzlich schuldlos sind, Chapeau. Die größte Leistung, die Politik erbringen kann, ist mitzuhelfen, ein geistiges Klima zu schaffen, in dem solche Zustände "wie von selbst", aus einer menschlichen Haltung heraus, nicht vorkommen. Das Gegenteil ist der Fall. Und Rot-Grün hatte Zeit genug, diesem Land etwas Prägendes zu hinterlassen - was sie ja auch getan haben.
Und mehr möchte ich nicht zu dieser Diskussion beitragen.
Vielen Dank für Ihren Beitrag. Er wird in Kürze veröffentlicht.
Das war um 16.20h. Mittlerweile ist eine Stunde rum.
Mich würde interessieren, wie lange die interne Ethik-Kontrolle im Durchschnitt an der Unbedenklichkeitsbestätigung kritischer Beiträge arbeitet.
Und was man am besten schreibt, damit es vielleicht ein bißchen schneller geht.
Zum Beispiel Heribert Prantls vorzüglichen Kommentar über "Die organisierte Entwürdigung der Alten" (http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/208/130977/). Vielleicht beantworten Sie sich dann selbst die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der top-modernen gesellschaftlichen Haltung gegenüber den Alten (Schwachen, nichts mehr "Leistenden") und einer von der Politik und den Medien in das Land getragenen Diskussion über die dringend notwendige Einschränkung des *Sozialen* im Staate besteht. Der scheinbar so dringenden Notwendigkeit, in allen Bereichen die Frage nach dem wirtschaftlichen Nutzen, dem Profitablen zuallererst zu stellen. Beantworten Sie sich selbst die Frage, wie Sie behandelt werden möchten, falls es mal in Ihrem Leben zu einer unglücklichen Lage kommen sollte, in der Sie die unvoreingenommene Hilfe anderer bedürfen. Möchten Sie prima vista etikettiert sein als potentieller Sozialschmarotzer?
Wenn Sie der Meinung sind, daß das rein gar nichts mit Schröder & Co. zu tun hat, bzw. diese daran gänzlich schuldlos sind, Chapeau. Die größte Leistung, die Politik erbringen kann, ist mitzuhelfen, ein geistiges Klima zu schaffen, in dem solche Zustände "wie von selbst", aus einer menschlichen Haltung heraus, nicht vorkommen. Das Gegenteil ist der Fall. Und Rot-Grün hatte Zeit genug, diesem Land etwas Prägendes zu hinterlassen - was sie ja auch getan haben.
Und mehr möchte ich nicht zu dieser Diskussion beitragen.
Jetzt wirds übel...
"* Der seinerzeit im Raum stehende beabsichtigte Krieg entspräche wohl heutzutage dem Irakkrieg. (Hoffentlich!)"
Der Irak-Krieg (den ich für unmoralisch, verlogen, völkerrechtswidrig und politisch dumm halte) ist dem 2. Weltkrieg gleichzusetzen? Da fällt mir leider nichts zu ein.
"* Der seinerzeitlichen "nationalsozialistischen Revolution" mit ihrem totalitären Anspruch entspräche wohl heutzutage der Versuch, unter dem Stichwort "Wirtschaftsliberalismus" nicht nur die Arbeitswelt, sondern den gesamten Staat, insbesondere die Sozialgesetzgebung, und konkret das Leben und Erleben der betroffenen Bürger umzugestalten."
Nationalsozialismus = Wirtschaftsliberalismus? Auch das kann ich gar nicht netiquette-konform kommentieren. Nur so viel: das ist ne gnadenlose Ohrfeige für alle Opfer der NS-Zeit.
"* Dem seinerzeitigen überwachungsstaat entsprächen wohl heute die jedermann bekannten und aktuell diskutierten Bemühungen auf diesem Gebiet, aktuell gipfelnd in Schäubles Wirken anläßlich Heiligendamm und seinen Bemühungen um die Online-überwachung."
Auch hier. Schäuble scheint mir in letzter zeit politisch Amok zu laufen und sollte dringend gebändigt werden. was in heiligendamm passiert ist, ist eines rechtsstaats nicht würdig. Aber das auch nur ansatzweise mit der Gestapo gleichzusetzen ist absolut daneben.
"Dem o. g. Buch entnehme ich, dass es den seinerzeitigen Machthabern bekannt war, dass eine völlige wirtschaftliche Autarkie nicht verwirklichbar war. Das Fehlende, etwa Zink und Kautschuk, erhoffte man, auf den Raubzügen ins umgebende Ausland zu erbeuten. Insofern scheint mir die Annahme, das das oberste Ziel der Krigswirtschaft die wirtschaftliche Autarkie gewesen sei, so nicht haltbar. "
Der Norwegen-Feldzug ist ein gutes beispiel. Man hat Norwegen besetzt, um nicht von deren Rohstifflieferungen abhängig zu sein. Durch die besetzung konnte man sich die Rohstoffe direkt sichern. Das ist für mich durchaus eine Autarkisierungsstrategie.
"* Der seinerzeitigen Dienstverpflichtung im Reichsarbeitsdienst entspräche wohl die heutige Verpflichtung der Hartz IV-Empfänger, *jegliche* Arbeit annehmen zu müssen. "
Nicht im Ansatz. Erstens war der Arbeitsdienst eine Verpflichtung, zu der man regelrecht gezwungen wurde (unter KZ-Androhung). Bei Hartz IV ist es "nur" an die Beihilfe gekoppelt. Niemand wird dazu körperlich gezwungen, er kriegt im schlimmsten Fall nur keine Unterstützung mehr. das ist ein gravierender Unterschied. Im übrigen muss man als Hartz IV Emmpfänger nicht jeder Arbeit annehmen, sondern nur jede zumutbare. Da spielen auch Ausbildung o.ä. eine Rolle. Auch das ist ein unterschied. Und dass man die Unterstützung der gesellschaft nur in Anspruch nehmen darf, wenn man grundsätzlich bereit ist, auch etwas für die Gesellschaft zu tun, ist für mich das Normalste der Welt.
"* Der seinerzeitigen Abschaffung aller Arbeitsschutzbestimmungen entspräche wohl die heutige Praxis, von Beschäftigten selbstverständlich die unbezahlte Ableistung von Überstunden bei gleichzeitiger Abschaffung einer geregelten Arbeitszeit,"
An welcher Stelle hat Rot-Grün denn die Bezahlung von Überstunden abgeschafft? Das ist völliger Unfug. Im Gegenteil, es gibt verschiedene Gerichtsurteile der letzten Zeit (mit Politik hat das gatr nichts mehr zu tun), die besagen, dass Vertragsklauseln, die Überstunden ohne finanzielle Entschädigung ODER Freizeitausgleich zur Regel machen unwirksam sind. Flexible Arbeitszeiten halte ich dagegen für etwas vollkommen normales, so lange sich das in einem gewissen Rahmen bewegt und keine Einbahnstraße ist (auch der Arbeitgeber muss flexibel sein.)
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