Bislang lässt die SPD die Sterntaler liegen - obwohl die politische Krisenlage gute Chancen bietet. Den Sozialdemokraten kann es schon bald gelingen, das zu ändern: mit Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat und Kurt Beck als Parteichef. Beck wird gegen Angela Merkel nicht antreten.
Die lange Geschichte der SPD erinnert an das Märchen von den Sterntalern; nur der Schluss ist anders. Im Märchen der Gebrüder Grimm ist es so: Nachdem das arme Mädchen alles hergegeben hatte, was es noch besaß, fielen die Sterne vom Himmel, und es waren lauter blanke Taler. Das arme Mädchen sammelte sie ein und war reich für sein Lebtag.
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Frank-Walter Steinmeier: der nächste Kanzlerkandidat der SPD? (© Foto: ddp)
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Bei der armen SPD ist es so: Nachdem sie fast alles hergegeben hat, was für sie wichtig gewesen ist, fallen nun, wie im Märchen, Sterne vom Himmel - aber die Partei ist zu blöd und zu zerstritten, sie aufzuheben. Sie überlässt das der Linkspartei.
Jede Nachrichtensendung könnte ein Sterntaler sein: Die Finanzmärkte bröckeln, der Turbokapitalismus bankrottiert, gleichzeitig steigen die horrenden Einkommen der Großmanager weiter; das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen ist so verletzt wie lange nicht mehr. Andere Parteien, die Union, FDP oder die Grünen, müssen sich darauf erst einstellen. Die SPD ist eigentlich schon darauf eingestellt, kraft Tradition und Geschichte. Aber sie hat das und sich vergessen. Sie beschäftigt sich stattdessen damit, ob sie die Agenda 2010 in goldenes oder in schwarzes Papier einschlagen soll, bevor sie diese ins Regal stellt.
Die Verwirrung hat so vernünftige Menschen wie Außenminister Steinmeier angesteckt: Zur unsinnigen Debatte, ob der Kanzlerkandidat der SPD durch Mitgliederentscheid gewählt werden soll, erklärt er, dass vor Personaldiskussionen der Kurs der Partei bestimmt werden müsse.
Damit tut er so, als gäbe es noch keinen Kurs. Hat die SPD nicht vor fünf Monaten ein neues, sozial gefärbtes Grundsatzprogramm verabschiedet? Wäre es jetzt nicht auch Steinmeiers Angelegenheit, dieses in ein politisches Alltagsprogramm zu übersetzen? Die SPD steht vor der Sterntaler-Aufgabe, aus der emotionalen Mehrheit für eine im weitesten Sinn sozialdemokratische Politik eine regierungsfähige Mehrheit zu machen. Die Aufgabe sieht, angesichts der Umfragewerte, unlösbar aus. Es gab indes schon schwierigere Aufgaben für die SPD: In der längsten Zeit ihrer Geschichte war sie von jeglicher Mehrheit weit entfernt.
Mitgliederbefragung: Vorsicht, Scharping-Effekt
Das Problem der SPD ist aber mit einer Mitgliederbefragung noch weniger zu lösen als 1993. Damals wurde der Parteichef auf diese Weise gekürt; es war Scharping; der weitere Gang der Dinge ist bekannt. Eine Abstimmung, diesmal über den Kanzlerkandidaten, wäre Nonsens: Wer sollte gegen Parteichef Beck, wenn er wirklich will, antreten? Und wenn allein über ihn abgestimmt würde, wäre jedes Ergebnis unter 90 Prozent eine Niederlage. Wenn Beck aber gar nicht als Kandidat antritt (und er wird es nicht tun), kommt eh nur Steinmeier in Frage.
Beck wird nicht antreten, weil er Parteichef bleiben will. Würde er selbst als Kanzler kandidieren, ginge ihm bei einer Niederlage in der Bundestagswahl auch der Parteivorsitz verloren. Für die SPD wäre das schlecht, weil Beck einen Blick für die Sterntaler hat. Sammeln kann er sie am besten zusammen mit Steinmeier.
(SZ vom 25.03.2008)
Verrückter Eisladen in der Maxvorstadt
Es wird immer wieder von den Politikern der Fehler gemacht, wenn schon nicht eine(r) nicht an alle zu vermitteln ist, dann nehmen wir halt zwei. Gab es bei den Grünen, jetzt bei der CSU und bald dann bei der SPD.
Wäre ja auch richtig demokratisch, funktioniert aber nicht. Das ehemalige Stimmvieh (Wähler) vergißt nicht so schnell, frag nach bei Huber/Beckstein. Antwort: blinder Aktionismus. Mehrwertsteuererhöhung 2% im letzten Bundeswahlkampf: wie haben Müntefering u. Co. gewettert und Plakate geklebt. Dann wurden es 3 % und unter den ersten, die Ihre Zustimmung gaben: Müntefering und der Münchner Axel Berg. Nein Wortbruch war das nicht, sie wollten doch eine 2 % Erhöhung verhindern.
Vor kurzem erst der Verhau Ypsilanti/Beck, wer vertraut noch den Sprüchen dieser Wahlsieger?
Gewerkschafter, die wegen Bestechung, Lustreisen und, und und die eigenen Mitglieder veralbern. Provinzpolitiker, die bei Stromkonzernen, Genossenschaften, Landeszentralbanken oder sogar der KfW beweisen, daß sie unfähig sind. Der Wähler bemerkt es nicht?
Nur eins ist sicher: der nächste Wahlkampf steht vor der Tür und Stimmung gegen oder für Politiker werden vermehrt nicht an den Stammtischen gemacht, sondern in Foren, Leserbriefen, beim Seniorenkaffeeklatsch und vielleicht auch in der Kirche.
Ich persönlich habe zwar die Meinung, daß Talkshows nicht so wichtig sind, aber verdummen läßt sich der Wähler nicht mehr. Eher geht er gar nicht mehr wählen, dann sollte er aber auch nicht mehr mitreden oder mitdiskutieren.
"Jede Nachrichtensendung könnte ein Sterntaler sein:"
Da hat Prantl,wie überhaupt mit seiner ganzen Analyse, Recht.Auch wenn die SPD den Brei mit angerührt hat,den wir (fast)alle jetzt auslöffeln müssen:Die Erfolge der Linkspartei beruhen im wesentlichen darauf,dass die SPD-Wähler abwandern ,weil die Linke die Themen aufnimmt,die der Wähler,in Abkehr von der Agenda 2010 eigentlich von der SPD gelöst sehen möchte.
Dem Wähler wäre es fast egal,wieviel Schuld die SPD an der heutigen Situation träfe,wenn sie man nur endlich zu erkennen gäbe,dass sie die von allen empfundene Gerechtigkeitslücke schließt,oder zumindest Anstalten unternimmt,damit zu beginnen.
Welche andere Chance hat die SPD denn? Das Festhalten an der bisherigen Politik ist gerade angesichts der traditionellen Rolle der SPD als Vetreter der Schwachen zu Recht auf Unverständnis und Abkehr gestoßen.Wenn nichts klar ist,dann doch,dass eine Fortsetzung dieses Weges zum Untergang der Partei führt - und das wäre auch richtig und gut so.
Zum Personal: Nach Kurnaz ist Steinmeier wahrlich nicht mein Freund.Aber wer sonst?
Aus den Jugendreihen ist nur Intriganten-Nahles bekannt,und deren Auftreten und "Popularität" führte die SPD endgültig in die Versenkung.
Struck will anscheinend nicht,Wowereit muss sich in Berlin beweisen,etc etc.
Prantl hat schon Recht:SPD ,greife die offensichtlichen Dir auf den Leib geschnittenen Themen auf und stelle diejenigen nach vorn,die noch den relativ größten Kredit haben:
Beck als Pareichef,Steimeier als Kanzlerkandidaten.
Subito.
Herr Prantls Vergleich der Situation der SPD mit dem Sterntalermärchen hinkt.
Die himmlische Belohnung des armen Mädchens erfolgt auf der Basis einer durch und durch christlichen Wirklichkeitsauffassung. Wer im Sinne praktizierender Nächstenliebe alles hergibt und dabei dennoch den Glauben an Gott (fromm und gut) nicht verliert, also nicht verzweifelt, dem winkt am Ende eben eine solche Geschenk des Himmels. An einer klaren Wirklichkeitsauffassung gebricht es der SPD.
Die Situation der SPD ähnelt momentan eher dem von Büchner entscheidend gemodelten Sterntalermärchen. In seinem Dramenfragment Woyzeck erzählt die Großmutter ihren Enkeln im hessischen Dialekt von einem arm Kind, das auf Erden von allen verlassen auch noch von seiner himmlischen Suche nach Geborgenheit aufs ärgste enttäuscht wird. So entpuppen sich die so schön scheinenden Sterne bei genauerem Hinsehen als klei golde Mück, wie sie der Neuntöter zwecks Nahrungsbevorratung auf die Dornen der Schlehe spießt. Der Mond ist ein Stück faul Holz und die Sonne ein verwelkt Sonneblum.
nachdem es Ihnen nicht gelungenist , die Schröder SPD ins Amt zu schreiben, kommen mal kritischere Töne.
WEr hätte dies gedacht?
Erst Bayerischen Verhältnisse auf Bundesebene öffnen die Scheuklappe auf dem linken Auge.
Der ausgezeichneten Analyse des Mitforisten @Velence.de kann ich kaum Besseres hinzufügen.
Was mich als Publizistik-Interessierter an diesem Kommentar von Heribert Prantl bewegt, ist die Tatsache, dass nun auch in der SZ-Redaktion langsam ein Erkenntnis-Prozess einsetzt, der eingesteht, dass es wohl einen Kanzlerkandidaten Kurt Beck nicht geben wird.
Seit Wochen schon versuche ich dieses Real-Szenario hier in SZ-online zu vermitteln. Doch Prantls Kollege Nico Fried veranstaltet mit seinem Artikel an anderer Stelle dieser Online-Ausgabe heute immer noch eine Super-Kaffeesatzleserei mit dem Orakel Steinmeier, diesem Super-AA-Beamten, der in diesen Tagen etwas viel redet, aber kaum etwas zu sagen hat.
Es ist übrigens schon erstaunlich, mit welcher Hingabe die einst so wegweisende SZ eine Kampagne der BLÖD-Zeitung übernimmt, die bei Emnid eine "Umfrage" bestellte, mit der ein Mißtrauensvotum gegen Kurt Beck in Form einer Vorgriff-MItgliederbefragung innerhalb der SPD inszeniert werden sollte. Arme SZ, kann ich da nur sagen: Ihr wart auch schon mal besser....
Heribert Prantls wunderbare Parabel des "Sterntaler"-Märchens als perspektivische Situation der SPD mag schön klingen, aber nach der konzertierten Massen-Destruktion mit der Deutschlands Medien die SPD und ihren Vorsitzenden Kurt Beck überzogen haben, war bereits eine Vorentscheidung für die Fortsetzunge der vielfach verhassten Großen Koalition unter ihrer Kanzlerin Angela Merkel gefallen.
Dies alles läßt erahnen, dass Steinmeier niemals über den "Vize" hinauskommen wird und die SPD erst wieder frühestens ab 2013 eine/n Kanzler/in stellen kann.
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