Ein Kommentar von Hans-Jürgen Jakobs

Andrea Ypsilantis rot-grüne Minderheitsregierung mit Tolerierung der Linken wäre der Versuch gewesen, die Gesetze der Realität zugunsten eines Glaubens zu beugen. So etwas nennt man Verblendung.

Alles ist ganz einfach: Politik ist das Schaffen von Mehrheiten. Und deshalb muss noch einmal daran erinnert werden, dass Andrea Ypsilanti mit ihrer SPD bei den hessischen Landtagswahlen nicht einmal ganz vorn gelandet ist - sondern knapp hinter der alten Regierungspartei CDU. Dennoch bedeutet Ypsilantismus, dass die SPD, die nach langer Dürre in Hessen einiges an Prozentpunkten gewonnen hat, partout die Regierung stellen will.

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Andrea Ypsilanti ist zum zweiten Mal mit dem Versuch gescheitert, eine rot-grüne Minderheitsregierung mit Tolerierung der Linken auf die Beine zu stellen. (© Foto: ddp)

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In dieser Art Moralismus zählt der Wortbruch wenig. Im System des Ypsilantismus verschwindet die Zusicherung vor der Wahl, auf keinen Fall mit der Linken zu kooperieren, zu einer Altlast auf der Deponie der Worte. Hinter dem nüchternen Kalkül, dass es rechnerisch ja für Rot-Grün reicht, wenn Oskars Lafontaines Partei diese Minderheitskoalition toleriert, werden die Bedenken klein.

Nun, einen Tag vor dem geplanten Griff nach der Macht, stellt sich heraus: Andrea Ypsilantis Traum vom Ministerpräsidentenstuhl ist zum zweiten Mal gescheitert. Vier SPD-Abgeordnete treten aus der Fraktion aus: Wenig überraschend ist das bei Dagmar Metzger, von der schon seit Monaten bekannt ist, dass sie den Ypsilantismus nicht wählen wird. Auch Ypsilantis Stellvertreter in der Hessen-SPD, der zunehmend frustrierte Jürgen Walter, ist ausgestiegen. Auch bei ihm ist das kein Wunder, nachdem er den Koalitionsvertrag abgelehnt hat.

In den letzten Tagen hatte sich verstärkt die Frage gestellt, wie viele es noch in der SPD gibt, die von einer Wahl Ypsilantis nicht überzeugt sind? Nun sind es neben Metzger und Walter noch zwei weitere Abgeordnete: die beiden ebenfalls zum rechten Flügel der Partei zählenden Silke Tesch und Carmen Everts.

Schon beim chaotischen SPD-Sonderparteitag am Wochenende war klar: Diese Koalition rumpelt, bevor sie zur Wahl antritt. Sie wäre der Versuch gewesen, die Gesetze der Realität zugunsten eines Glaubens zu beugen. So etwas nennt man Verblendung.

Der Hessen-Schock wird nachwirken

Immerhin bleibt der SPD und Andrea Ypsilanti nun ein weiteres Heide-Simonis-Erlebnis erspart: Die SPD-Frau wollte sich in Schleswig-Holstein erneut zur Ministerpräsidentin wählen lassen, doch ein Anonymus oder eine Anoyma aus den eigenen Reihen verweigerte die Gefolgschaft. Die Kieler Pleite war damals das Symbol für den Niedergang der Regierung von Gerhard Schröder.

Natürlich spräche sachlich manches für eine Politik nach den Vorgaben von Ypsilanti und ihres Wirtschaftsfachmanns Hermann Scheer. Allein: Sie haben keine Mehrheit. Sie diskreditieren sich und die "linke Sache" selbst. Sie sind, frei nach Kurt Beck, mit demselben Kopf zweimal gegen dieselbe Wand gelaufen.

Die Steinmeier-Müntefering-Fraktion wird sich freuen. Für die oberste Einsatzleitung in Berlin wäre es wahrscheinlich das größere Übel gewesen, wenn eine von den Linken abhängige Ministerpräsidentin Ypsilanti über Monate hinweg Zickzackkurs gefahren wäre. Nun kann im Willy-Brandt-Haus der Bundestagswahlkampf ganz auf einen sozialen Mitte-Marktwirtschaftskurs abgestellt werden.

Über das richtige Verhältnis zu Lafontaine und zu den Linken, über die große Systemfrage, muss in der SPD später gesprochen werden. Der Hessen-Schock wird nachwirken. Und Roland Koch wird sich freuen, da er nun weiter Landeschef bleibt.

Nur Andrea Ypsilanti hat sich nach Lage der Dinge herausgewählt. Und das ist wahrscheinlich besser, als wenn es doch geklappt hätte.

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(sueddeutsche.de/bosw)