Franz Münteferings Interview-Buch enthält Seitenhiebe gegen Angela Merkel und Aufschlussreiches über ihn selbst.
Erhard Eppler ist ein sozialdemokratischer Denker, Franz Müntefering ist ein sozialdemokratischer Macher. Jetzt hat er ein Buch gemacht, und die Journalistin Tissy Bruns hat ihm dabei geholfen. Müntefering hat sich von ihr befragen lassen.
Plattitüden, harte Kritik gegen Merkel und das "Du" der SPD - Franz Müntefering stellt sich in seinem Interview-Buch vor. (© Foto: dpa)
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Die vielen Fragen und Antworten ergeben zusammen 223 Seiten - ein Buch der einfachen Wahrheiten und der kleinen Weisheiten; kein Zukunftsentwurf für die Sozialdemokratie, sondern eher ein schlichtes Vademecum für den kleinen Sozialdemokraten, mit gelegentlichen Seitenhieben gegen Angela Merkel.
Offene Kritik an Merkel
Dieser Seitenhiebe wegen ist das Buch für die Tagespolitik interessant, denn der frühere Vizekanzler und wieder designierte SPD-Vorsitzende formuliert Sätze voller Bitterkeit: "Sie blieb CDU-Vorsitzende, wo sie Kanzlerin hätte werden müssen."
Müntefering rechnet sehr kühl ab mit Angela Merkel; aus der herzlichen Beziehung, die es zu Beginn der großen Koalition zwischen den beiden gab, aus der eine Vertrauensbeziehung werden sollte, ist ein gefriergetrocknetes Verhältnis geworden. Müntefering wirft ihr "Parteiegoismus" vor, deswegen sei das Handeln der Koalition "Schritt für Schritt zerronnen".
Eine Plattitüde jagt die nächste
Man blättert ansonsten durch Münteferings Seiten wie durch einen Abreißkalender mit Merksprüchen zum Tage. Da wird, natürlich, viel leeres Stroh gedroschen, da finden sich, seitenweise, dicht aneinandergereihte Plattitüden: "Es muss Orientierung geben", und dabei ist "nicht nur die Politik gefordert, aber sie vor allem", denn "Stillstand wäre Rückschritt", also "wir müssen uns bewegen", dürfen "nicht Wolken schieben", dann bleiben "die Dinge in Bewegung", denn "niemand hat per se die Wahrheit auf seiner Seite". Ja, ja. Das hält man beim Lesen nur dann aus, wenn man sich dazu die knarzige Stimme von Müntefering vorstellt.
Aber dann kommt die Belohnung, man stößt auf die ebenso schlichten wie zauberhaften Sätze, deretwegen sich die Lektüre lohnt - dort etwa, wo Müntefering über das "Du" in der SPD sinniert. Und über das Wesen des Sozialdemokratischen: "Du musst das Leben nehmen wie es ist. Aber Du darfst es nicht so lassen." Das ist, sagt Müntefering, "Sozialdemokratie pur". Dieser Satz stammt von einem alten Genossen, dieser hat Müntefering so geantwortet, als der ihm zum hundertsten Geburtstag gratulierte, und nach dem Resümee seines Lebens fragte.
Die Belohnung des Lesers
Es ist dies das Resümee wohl auch des politischen Lebens von Franz Müntefering. Also ist, so folgert er, "der Bedarf von Sozialdemokratie endlos". Wohl auch deswegen, weil "der moderne Kapitalismus" die "Achtung vor dem Ethos des guten und anständigen Unternehmers" untergrabe.
Die Beziehungen zur Linkspartei: Müntefering hält nichts mehr von der jahrelangen SPD-Doktrin "Im Osten ja, im Westen nein": Es könne auch im Westen Zusammenarbeit geben, "wenn unsere Leute vor Ort das wollen". Es gelte dabei "das Prinzip Verantwortung": Damit meint er eine Koalition. Eine bloße Duldung, wie sie in Hessen geplant ist, bei der "Lafontaine von der Couch aus den Daumen rauf- oder runterhalten kann", schätzt er nicht.
Harte Worte gegen Lafontaine
Die Buchseiten über Lafontaine sind interessant. Müntefering ist hier offener und böser als es Schröder in seinem Buch über die Kanzlerjahre ist. Münteferings Erklärung für Lafontaines Rücktritt als SPD-Chef, für diese "irreparable Selbstdemontage" lautet so: "Ich glaube, dass er sich für das absolute Genie hält und auch damals nicht akzeptieren wollte, dass er an zweiter Stelle steht."
Man erfährt einiges über den Menschen Müntefering: Erich Fried und Robert Gernhardt, sagt er, "gehen mir eher ein als Hölderlin". In der Architektur schätzt er, wen wundert's, die klare Kante Mies van der Rohes, in der Malerei den Kubismus. So ist auch die Politik Münteferings: Würfel aufeinanderstellen, Türme damit bauen.
Türme bauen. Je mehr Leute dabei helfen, je mehr Leute Türme bauen, umso fester wird die Burg. Deshalb heißt Münteferings Buch "Macht Politik". Der Anklang an das Wort Machtpolitik ist beabsichtigt, weil Müntefering ein Machtpolitiker ist, bei dem dieses Wort ungefährlich klingt: "Das Leben bleibt ein Prozess. Neues steht an. Es gibt zu tun."
FRANZ MÜNTEFERING (mit Tissy Bruns): Macht Politik! Herder Verlag, Freiburg 2008. 19,95 Euro, 223 Seiten.
(SZ vom 07.10.2008/lawe)
Verrückter Eisladen in der Maxvorstadt
Spätestens nach der nächsten Bundestagswahl wird Münte in Rente gehen.
Dass sein Comeback reine Eitelkeit war, wird er dann wohl begriffen haben.
Seit Franz Müntefering Kurt Beck auf äußerst dreckige Art von "Seeheimer Kreis"-Aktivisten wegputschen ließ, ist er bei mir noch viel mehr als bisher unglaubwürdig geworden.
Er wäre besser auf dem Altenteil geblieben.
Seine "kanrigen" Sprüche mögen bei einigen Leuten noch rhetorisch gut rüberkommen, aber sie sind angesichts seiner jüngsten "Leistungen" leergedroschenes Stroh.
Was echte Sozialdemokratie ist kann mir dieser Mann bestimmt nicht mehr erklären...
immer wenn der fluß nach oben fließt, singt der Frosch "ich bin der prinz"
Wie hätten die Schlagzeilen der Konzern- Presse in der vergangenen Woche wohl ausgesehen, wenn Kurt Beck zum Zeitpunkt des bayrischen SPD- Wahldebakels noch SPD- Bundesvorsitzender gewesen wäre? Hätte der ebenfalls eine launige Rezension für ein Büchlein bekommen wie sein Nachfolger? Oder wäre das nochmalige Abrutschen der "Sozialdemokraten" auf einen neuen Tiefststand bei einer Landtagswahl, von den Hr'n. Kommentatoren nicht sofort zum Beck- Malus erklärt worden? Das der Kurt "es nicht kann" weil er ja kein Akademiker (Franz Müntefering allerdings auch nicht) ist... -wie man es bis vor kurzem noch in allen Erzeugnissen des kommerziellen Qualitätsjournalismus in einer Tour zu lesen bekam... -es brauchte dafür nur eine neue Güllner- Umfrage, nicht mal eine richtige Wahl. ...schon erstaunlich wie sich das Bild gewandelt hat!
Nun also hat auch Münte ein Buch über sich schreiben lassen, das wird ja nun langsam zur Seuche in der Partei. Der Vorteil daran ist, man muss es nicht lesen. Offensichtlich sind nun alle in der SPD der Meinung, die Partei wird es bald nicht mehr geben, also schreibet man schon mal was für die Totenmesse, denn der Insolvenzverwalter ist schon am Anhalter angekommen.
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