Spannungen in Deutschlands Gesellschaft Wie soziale Ungerechtigkeit extremes Denken fördert

Viele Experten und ein Bundespräsident: Sie alle versuchten sich an Erklärungsansätzen für Radikalismus in Deutschland.

(Foto: dpa)
  • Bundespräsident Joachim Gauck hat Experten der interkulturellen Gesellschaft ins Schloss Bellevue eingeladen, um über die Gründe für Radikalisierung zu sprechen.
  • An dem Treffen nahmen unter anderem Religions- und Extremismusforscher, ein Hooliganexperten und Polizisten teil.
Von Constanze von Bullion, Berlin

Ursprünglich sollte die Betonung wohl auf dem Miteinander liegen, auf der offenen Gesellschaft und dem Zusammenfinden der Kulturen. Als Bundespräsident Joachim Gauck und seine Partnerin Daniela Schadt am Mittwoch mit mehr als 40 Experten der interkulturellen Gesellschaft zusammensitzen, da ist vom Miteinander allerdings nicht mehr viel zu hören. Die Veranstaltung heißt nun etwas holperig: "ZusammenHALTen - gegen Gewalt, für Dialog". Mit groß geschriebenem HALT, das klingt irgendwie nach: Stopp.

Nichts ist mehr wie es war nach den Anschlägen von Paris, schon gar nicht in der Debatte um Einwanderung und Fremdenfeindlichkeit, die vor dem Hintergrund islamfeindlicher Märsche in Deutschland immer neue Fahrt aufnimmt. Der Bundespräsident will in diesem Disput selbstverständlich nicht abseits stehen. Das Thema Vielfalt treibt ihn seit Langem um. Am Mittwoch aber geht es um den Weg in die Radikalisierung. Gauck sitzt mit Religions- und Extremismusforschern beisammen, mit Juden, Musimen, Hooliganverstehern und Polizisten unter den Kronleuchtern von Schloss Bellevue. Man versucht hier, in einem Knäuel von Ängsten und Fanatismen ein Fadenende zu finden. Das ist ein ambitioniertes Ziel, wie sich zeigen wird.

Ein Treffen sei das, von dem er wünschte, "dass es gar nicht stattfinden müsste", sagt der Bundespräsident als Erstes. Auch habe er bei der Planung dieses Forums nicht geahnt, "welche Zuspitzung wir erleben würden". Es folgen ein paar Sätze, die recht wagemutig wirken an einem Tag, an dem in Leipzig Tausende für und gegen Pegida auf die Straße gehen. "Dass Einwanderung notwendig ist und bereichernd, das wird nur noch von wenigen bestritten", sagt Gauck. Und: "Deutschland akzeptiert sich zunehmend als ein Land der Vielfalt." Wirklich?

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Es folgt, was meist folgt an dieser Stelle, das große Aber. "Es gibt Konflikte", sagt Gauck, und meint nicht nur solche im Nahen und Mittleren Osten. Radikalisierung und Entfremdung gebe es auch in Deutschland. "Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Kulturen leben noch zu oft nebenher", sagt er. Aber nicht nur "Distanz zwischen Einheimischen und Zugewanderten" gebe es. Gauck weicht jetzt spontan vom Manuskript ab und fügt an: "Es gibt auch Distanzen zwischen Deutschen und Deutschen. Und zwischen Ossis und Ossis. Und diese Distanzen sind erheblich."

Furcht vor dem Moslem: ein Erbe des Mittelalters

Wie also "das Gemeinsame stärken", wie der Bundespräsident es ausdrückt? Wie der Verführung des Schwarz-Weiß-Denkens widerstehen? Zuerst kommt Yasemin Shooman zur Wort, sie leitet das Akademieprogramm des Jüdischen Museums Berlin, spricht hier aber nicht über Antisemitismus, sondern über die Islamfeindlichkeit in Europa. Ein Erbe des Mittelalters sei diese Furcht vor dem Moslem, die nun im neuen Gewand der Islamfeindlichkeit daherkomme. Wer früher "Türke" war in Deutschland, werde jetzt aufgrund seiner Erscheinung als "Moslem" ausgegrenzt, ob er religiös sei oder nicht.

"Die Medien schaffen es bis heute einfach nicht, Muslime als Deutsche zu betrachten", sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Auch das Abgleiten in die radikalisierte Szene sei "typisch deutsch", Motiv dieser Abwendung sei nicht Glaube, sondern "immer soziale Ungerechtigkeit". Das gelte für die wachsende Schar von Salafisten in Deutschland ebenso wie für noch bedrohlichere Rechtsextremisten. Die einen könnten nicht ohne die anderen, Rechtsextremisten lieferten Islamisten eine Existenzberechtigung und umgekehrt: "Islamfeindlichkeit und Salafismus fördern und bedingen sich gegenseitig."

Wer den Radikalen entgegentreten wolle, könne sich nicht nur auf soziologische Erklärungen beschränken, hält Ahmad Mansour dagegen. Antisemitismus unter jungen Muslimen etwa sei "herkunfts- und schichtunabhängig". Mansour ist Psychologe, arabischer Israeli und arbeitet mit Jugendlichen gegen patriarchalische Ehrvorstellungen an. Wandel ist möglich, sagt er, aber schwer und ohne ein Umdenken in den Familien kaum zu schaffen. Die Klischees hielten sich hartnäckig, auch Verschwörungstheorien , etwa dass das Attentat von Paris ein Komplott der israelischen und amerikanischen Geheimdienste sei, um den Islam schlechtzumachen.

Aber auch anderswo fehlt es nicht an Scharfmachern, auch wenn sie nicht gleich zu erkennen sind, sagt der Buchautor Olaf Sundermeyer. Er beobachtet seit Jahren Hooligans und hat sie bei Pegida wiedergetroffen. "Zu Hunderten" begleiteten rechtsradikale Kampfsportler und Rassisten die Aufmärsche. "Sie sind keine zufälligen Mitläufer, sondern gehören von Anfang an zum Konzept", sagt er. "Sie sprechen nicht und fallen nicht auf und tauchen in Umfragen nicht auf". Das klingt nicht so, als sei das Land unterwegs zu einer offeneren Gesellschaft.