Soziologie Wenn in Frankfurt mehr Neuankömmlinge als Ur-Deutsche leben

Eines Tages werden manche Städte ihre deutsche "Mehrheitsgesellschaft" verlieren - was das bedeuten kann, beleuchtet ein Buch von Identitätsforschern.

Rezension von Cord Aschenbrenner

Schon lange geben in New York nicht mehr weiße Angelsachsen den Ton an. Die Stadt ist, genau wie Los Angeles und Miami, eine "Majority-Minority-City". Auch Amsterdam, London, Brüssel und Genf sind zu solchen "Mehrheitlich-Minderheiten-Städten" geworden.

Und genau so, darauf weisen der Migrations- und Identitätsforscher Jens Schneider und seine Mitautoren Maurice Crul und Frans Lelie in ihrem Buch hin, wird es bald Frankfurt am Main, Augsburg und Stuttgart ergehen: Sie werden ihre deutsche "Mehrheitsgesellschaft" verlieren. Anders gesagt: Die ethnisch deutsche Bevölkerung wird zu einer von mehreren Minderheiten werden.

Unumstößlich und wünschenswert

Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass sie diese Entwicklung für ebenso unumstößlich wie wünschenswert halten - deshalb, weil sie große Chancen für das Entstehen von mehr "gesellschaftlicher Gerechtigkeit" biete, wie sie schreiben: wenn nämlich die bisherige Mehrheitsgesellschaft ihre dominanten Positionen verliert und damit - ein Beispiel - vielleicht das Gymnasium in Deutschland seine Rolle als Statussymbol, das manche Eltern nicht mit Fremden, noch dazu aus anderen Schichten, teilen wollen.

Bildung und soziale Herkunft, der alte deutsche Zusammenhang, könnte sich ebenso auflösen wie die Gewissheit vieler Einheimischer, sie blieben auch in einer rasch alternden Gesellschaft noch in der Mehrheit und damit gewissermaßen Eigentümer des Landes.

Jens Schneider, Maurice Crul, Frans Lelie, Generation Mix. Die superdiverse Zukunft unserer Städte und was wir daraus machen. Waxmann Verlag 2015. 130 Seiten. 19,90 Euro. Als E-Book: 18,90 Euro.

Das Buch basiert auf einer Untersuchung in acht europäischen Ländern, der TIES-Studie (The Integration of the European Second Generation), die etwa 10 000 Nachkommen von Einwanderern aus der Türkei, Marokko und dem früheren Jugoslawien, Angehörige jener dem Buch seinen Titel gebenden "Generation Mix", zu ihren Bildungs- und Berufserfahrungen befragt hat.

Dabei ist, nicht überraschend, herausgekommen, dass etwa Türken der zweiten Generation (die hierzulande weiterhin "Menschen mit Migrationshintergrund" heißen, ungeachtet der Tatsache, dass sie hier geboren sind) in Schweden und Frankreich, aber auch in den Niederlanden deutlich bessere Abschlüsse erzielen als in Deutschland und Österreich, was mit der besseren frühkindlichen Sprachförderung und dem Ganztagsschulsystem zusammenhängt.

Ganz wichtig: "interethnische Freundschaften"

Integration funktioniert, das macht der lesenswerte Band deutlich, wenn ein Land Anspruch auf seine Einwanderer erhebt. Ein richtiges Einwanderungsland akzeptiert die Menschen, es sorgt für umfassende Bildungsangebote, durch die neu Hinzukommende leichter Arbeit finden und die Einwandererkinder von klein auf prägen.

Und: Ganz wichtig sind "interethnische Freundschaften", wie die Autoren betonen. Verordnen lassen die sich nicht, aber in einer bereitwilligen Gesellschaft werden sie sich ergeben.

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