Soziologe zur AfD Die AfD steht für einen autoritären Nationalradikalismus

Und die AfD gibt vor, dagegen eine Lösung gefunden zu haben?

Die AfD verheißt denen, die ein Gefühl der Ohnmacht haben, dass sie wieder die Kontrolle zurückbekommen. Indem sie etwa verspricht: "Wir holen uns unser Land zurück", oder wie André Poggenburg fordert: "Deutschland den Deutschen".

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Und dann treten auch noch Vertreter der intellektuellen Elite auf und befeuern die Abwertung. Etwa Herr Sarrazin mit seinen muslimischen "Kopftuchmädchen", deren Nachwuchs die Deutschen verdrängen würden. Natürlich distanzieren sich diese Leute sofort vom Vorwurf des Rechtsextremismus oder Neonazismus. Und wir müssen tatsächlich auch vorsichtig sein mit diesen Etiketten, wenn wir von der AfD sprechen.

Wie nennen Sie die AfD?

Jedenfalls nicht rechtspopulistisch. Das ist verharmlosend. Aber auch nicht rechtsextrem oder neonazistisch. Solche Bewegungen arbeiten mit Gewalt. Wird die AfD so genannt, bietet man ihr nur die Gelegenheit, sich effektvoll als verleumdetes Opfer dazustellen. Allerdings müssen wir abwarten, ob sie noch ins Rechtsextreme übergeht. Begriffliche "Durchlöcherungen" der Grenze dorthin gibt es ja schon.

Für mich steht die Partei aber für einen neuen Typus eines autoritären Nationalradikalismus. Eben weil es in erster Linie um die autoritäre Wiederherstellung von Kontrolle geht - über das eigene Leben, über die sozialen Verhältnisse, über die Grenzen. Und auch über die herrschende Politik, die sie nach rechts treiben will. Mit dieser Entwicklung ist Deutschland kein Sonderfall mehr in Europa. Es ist quasi eine nachholende Entwicklung.

Der größte Teil der Gesellschaft lehnt ab, wofür die AfD steht. 87 Prozent der Deutschen haben diese Partei nicht gewählt. Beruhigt Sie das?

Es gibt aber auch bei manchen in der Politik die Neigung, weiter nach rechts zu rücken. Ich bin mal gespannt, was der CSU-Vorsitzende Seehofer tun wird, wo trotz seiner rabiaten Töne zu den Flüchtlingen die AfD in Bayern so eine hohe Zustimmung hat. Auch CDU-Innenminister de Maizière hat mit seinem Vorstoß zu einer Leitkultur auf das Schlagwort Burka gesetzt und so der AfD in die Hände gespielt. Dies alles trägt zur Verschiebung von Normalitätsstandards bei - und führt letztlich zu einer Normalisierung.

Zwar können sich solche Erscheinungen wie Pegida und AfD schnell verändern und auch wieder verschwinden. Aber das Zusammenwirken von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung und sozialen Desintegrationsbefürchtungen bleibt ja stabil.

In jüngster Zeit ist ein wichtiger Faktor dazugekommen: Digitalisierung. Einige Politiker wissen zwar schon: Alles wird wunderbar. Aber kein seriöser Experte kann hier belastbare Vorhersagen machen. Und wenn ich dann noch die Forderungen der FDP in Hinblick auf die Wirtschafts-, Flüchtlings- und Sozialpolitik höre, fürchte ich, dass Teile der Bevölkerung eher weiter abgehängt als integriert werden. Dann kommt wieder der autoritäre Nationalradikalismus zum Zuge - in welcher Form auch immer. Das werden wir kaum wieder los.

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Was wäre nun zu tun?

Ganz entscheidend wird es sein, eine Politik zu machen, die die Desintegration beendet, also eine Integrationspolitik auch für alle Deutschen, die das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein. Allerdings bin ich kein guter Ratgeber, denn angesichts des weiter ausgreifenden Kapitalismus bin ich sehr pessimistisch. Alle internationalen Untersuchungen, die ich kenne, sagen, dass Anpassungen nach rechts nichts bringen, sondern nur Veränderungen im genannten Zusammenwirken. Ich habe meine Zweifel, ob die herrschende Politik das überhaupt will - und kann.