Soziale Netzwerke im US-Wahlkampf "Wer Präsident werden will, muss Babys küssen"

Mitt Romney twittert gerne über Football, aber selten über große Politik: Ein Gespräch mit dem amerikanischen Politikwissenschaftler Jason Johnson über soziale Netzwerke, die Bedeutung von Omas Apfelkuchen im Wahlkampf und Fotos bestimmter Körperteile, die man besser nicht ins Netz stellt.

Von Jannis Brühl

Jason Johnson hat als Politikwissenschaftler schon US-amerikanische und britische Politiker im Wahlkampf beraten und in Mexiko als Wahlbeobachter gearbeitet. Er ist Autor des Buchs One Day to Sell über Wahlkampagnen. In der Akademie der bayerischen Presse in München sprach Johnson vor Journalisten über die Rolle von sozialen Netzwerken in US-Wahlkämpfen. Kurz bevor er zurück in die Vereinigten Staaten flog, um den Super Tuesday auf CNN zu kommentieren, nahm er sich Zeit für ein Interview.

Süddeutsche.de: Präsident Barack Obama nutzte soziale Medien ausgiebig in seiner siegreichen Kampagne vor vier Jahren. Wie nutzen seine republikanischen Herausforderer sie?

Jason Johnson: Mitt Romney hat einen aktiven Twitter-Feed, dem ich folge - aber er teilt dort nicht allzu viel Information mit der Welt. Vielleicht ändert sich das nach den Vorwahlen noch, aber momentan geht es nicht darüber hinaus, dem Präsidenten zu widersprechen oder die New England Patriots (ein Football-Team aus Massachusetts, Anm. d. Red.) im Super Bowl anzufeuern. Newt Gingrich und Rick Santorum tun nicht so viel. Bei Ron Paul gibt es eine Besonderheit: Seine Anhänger sind online sehr aktiv, weil sie im Schnitt jung sind und politisch sehr interessiert. Ein Beispiel: Meine CNN- oder Al-Dschasira-Interviews stehen auf Youtube. Wenn ich Ron Paul darin erwähne bekommt das Video automatisch Unmengen von Klicks. Denn Pauls Anhänger suchen online nach seinem Namen, sie haben news alerts auf "Ron Paul", sie werden ihn überall finden, wo er online auftaucht.

Süddeutsche.de: Gibt es einen grundsätzlichen Unterschied in der Art und Weise, wie Republikaner und Demokraten das Netz nutzen?

Johnson: Die Nutzung hängt vor allem davon ab, welche Partei regiert und welche nicht. Die Demokraten benutzen das Netz schon lange. Für sie ist Twitter ein alter Hut. Für republikanische Wähler ist es dagegen etwas Neues. Demokraten sind auch schon lange auf Minderheitenseiten (soziale Netzwerke wie blackplanet.com oder migente.com, die sich auf Afroamerikaner oder Latinos spezialisiert haben, Anm. d. Red) präsent oder unterhalten ganze Blogs. Für Republikaner sind das relativ neue Ideen.

Süddeutsche.de: Sind die Republikaner deshalb aktiver auf Twitter?

Johnson: Ja, sie reagieren auf Twitter auf das, was Barack Obama tut, beschweren sich über Politik der anderen, stecken dort ihre eigenen Forderungen ab. Sie nutzen Twitter also, weil sie kein Sprachrohr haben, keinen Anführer, kurz: weil sie nicht den Präsidenten stellen. Twitter ist eine gute Möglichkeit, seine Botschaft unters Volk zu bringen, wenn man keine Fernsehreden an die Nation halten kann und nicht im Weißen Haus sitzt.

Süddeutsche.de: Also hat Twitter ein rebellisches Moment?

Johnson: So ist es. Aber nur so lange, bis die Republikaner den Präsidenten stellen. Dann wird diese Art der Kommunikation für sie nicht mehr zeitgemäß sein. Die Demokraten würden sich in diesem Fall wohl einen neuen Kanal suchen - vielleicht Tumblr, vielleicht so was wie Google Plus, vielleicht werden sie andere, interaktivere Wege finden, Facebook zu benutzen. Die Partei, die die Mühlen der Macht nicht kontrolliert, ist die Partei, die nach neuen Wegen sucht, das Schiff zu steuern.

Süddeutsche.de: Welche Gefahren birgt das Netz für Kandidaten?

Johnson: Sie müssen aufpassen, wer welche Informationen mit anderen teilt. Letztes Jahr hat der beliebte liberale Demokrat Anthony Weiner großen Ärger bekommen, weil er gewisse Körperteile fotografierte, die er einer Frau über Twitter schicken wollte, sie aber aus Versehen öffentlich postete. Konservative Blogger wie Andrew Breitbart und andere nahmen den Vorfall auf (Weiner trat später zurück, Anm d. Red.). Nun posten die meisten Menschen nicht aus Versehen Körperteile von sich selbst. Aber Dinge, die vor 15 Jahren noch innerhalb eines Büros passiert sein mögen, sind nun plötzlich öffentlich. Kandidaten können Dinge nicht mehr verheimlichen, bei denen das einst ging.

Süddeutsche.de: Betrifft das auch die Mitarbeiter eines Politikers?

Johnson: Es kann Probleme geben, wenn sie etwas auf Youtube stellen. 2008 musste ein Wahlkampf-Mitarbeiter des republikanischen Kandidaten John McCain gehen, weil er rassistische Kommentare über Barack Obama gepostet hatte. Es muss aber gar nicht so kontrovers zugehen. Der Demokrat Creigh Deeds kandidierte 2009 für den Gouverneursposten in Virginia. Er hatte seinen eigenen Twitterfeed, sein Wahlkampfleiter ebenfalls, seine Kampagne selbst hatte noch einmal einen. Die Botschaften widersprachen sich oft. Deeds tweetete so was wie: "Ich will die Kfz-Steuer senken", aber sein Wahlkampfleiter schrieb: "Creigh Deeds hat noch keine endgültige Meinung zu diesem Thema." Das ruinierte die Botschaft seiner Kampagne, weil die Menschen nicht genau wussten, was er eigentlich sagen wollte.

Süddeutsche.de: Welchen Beitrag zu einem Wahlsieg kann eine Online-Kampagne insgesamt leisten? Am Ende zählen doch nur die Menschen, die sie in der realen Welt dazu bringt, zur Wahlurne zu gehen.

Johnson: Man kann nicht mit einer reinen Online-Kampagne gewinnen. Kandidaten müssen immer noch auf Volksfeste gehen, immer noch Babys küssen, immer noch Hände schütteln und Omas Apfelkuchen probieren. Wir sind menschliche Wesen, und egal wie oft wir im Netz unsere Stromrechnungen bezahlen, unsere Freundschaften pflegen oder uns verlieben: Die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen und sie zu berühren, ist immer noch von überragender Bedeutung in den USA. Im Gegensatz zu Kongress-, Bürgermeister- oder Gouverneurswahlen gilt für die Präsidentschaft: Sie wählen jemanden aus, den sie in ihr Wohnzimmer lassen, jeden Tag, für die nächsten vier bis acht Jahre. Den sollten man besser mögen.

Am Tag nach seinem Besuch in München hat Jason Johnson auf der Politik-Website politic365.com für seine Landsleute die Erfahrungen seiner Deutschland-Reise zusammengefasst. Er berichtet von unserem Interesse an Amerika, der Leidenschaft für Obama und dem entspannten Verhältnis zu Sex-Skandalen von Politikern. Sein Fazit: "Deutsche wissen mehr über unsere Politik als wir selbst."

Einen Überblick über die Websites der Kandidaten im Wandel der Zeit gibt http://www.4president.us/