Von Thomas Öchsner

In der Bundesrepublik gibt es mehr reiche und mehr arme Menschen - und immer weniger dazwischen.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander. Das geht aus dem "Datenreport 2008" hervor, den das Statistische Bundesamt, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und andere Institute am Mittwoch in Berlin vorgestellt haben.

Suppenküche, ddp

Steigende Armut kann auch politische Auswirkungen haben: Denn mit dem Einkommen sinkt auch die Zustimmung zur Demokratie. (© Foto: ddp)

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Damit haben sich Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt, die ebenfalls eine wachsende soziale Kluft in der Bundesrepublik feststellten.

Der Datenreport 2008 ist ein 450 Seiten starker "Sozialbericht für Deutschland", der in diesem Jahr zum 25. Mal erscheint. In ihn fließen auch repräsentative wissenschaftliche Sozialerhebungen und Umfragen ein.

Laut dem Report sind die Realeinkommen von 2001 bis 2006 nur minimal gestiegen. 2001 betrug das reale Haushaltsnettoeinkommen im Durchschnitt 1392 Euro monatlich. 2006 waren es 1413 Euro. Die Mittelwerte sagen aber nichts darüber aus, wie die Einkommen in der Bevölkerung verteilt sind. Hier nehmen die Unterschiede laut der Studie zu: So verfügten die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2006 über einen Anteil von 9,3 Prozent am monatlichen Gesamteinkommen der privaten Haushalte. 1997 betrug der Anteil noch 10,1 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der wohlhabendsten 20 Prozent am Gesamteinkommen gewachsen.

"Inzwischen ist das Ausmaß der Einkommensungleichheit auf einem der höchsten Niveaus der vergangenen Jahrzehnte angelangt", heißt es in dem Sozialbericht. Die Forscher führen dies nicht nur auf die zunehmende Spreizung der Einkommen zurück. Auch die Reformen im Bereich der sozialstaatlichen Sicherung wirkten sich aus.

So werde die gestiegene Ungleichheit "weniger stark als früher durch staatliche Umverteilungsmaßnahmen reduziert". Bestätigt wird in der Studie auch die These von der schrumpfenden Mittelschicht: "Während die Bevölkerungsanteile am unteren und am oberen Ende der Einkommensschichtung zumindest in den letzten beiden Jahren zunehmen, gehen die entsprechenden Anteile in den mittleren Schichten zurück", so der Sozialbericht.

Wie in dem Datenreport weiter zu lesen ist, hat sich die Chance verringert, von der untersten in gehobene Einkommenslagen zu springen. Das Risiko ganz unten zu bleiben, habe sich "über die Jahre hinweg deutlich erhöht". Die Tendenz zur Entstehung einer neuen Unterschicht, über die in jüngster Zeit kontrovers diskutiert wurde, fanden die Wissenschaftler dagegen nicht bestätigt.

Diskrepanz zwischen Ost und West vergrößert sich

Aus dem Bericht geht hervor, dass es eine zunehmende Diskrepanz zwischen West- und Osteinkommen gibt. Die Armutsquoten seien besonders in Ostdeutschland in den vergangenen Jahren überproportional gestiegen. So lebten 2006 in Ostdeutschland 22,7 Prozent der Bevölkerung in Armut, 2001 lag diese Quote noch bei 15,3 Prozent. In Gesamtdeutschland hat sich in diesem Zeitraum die Armutsquote von 11,4 auf 13,9 Prozent erhöht.

Die wachsenden Probleme in Ostdeutschland spiegeln sich in den Werten über das subjektive Wohlbefinden der Bürger wider. Laut dem Datenreport 2008 sind vor allem die Bürger in den neuen Bundesländern mit ihrem Haushaltseinkommen und dem Sozialsystem unzufrieden.

Besonders gering fällt hier auch die Zustimmung zur Demokratie aus, vor allem bei Arbeitslosen, gering Gebildeten und Beziehern niedriger Einkommen. Auf einer Skala von null bis zehn weisen die im Jahr 2005 gemessenen Werte von 5,2 in Westdeutschland und 3,9 in Ostdeutschland "auf ein besorgniserregend niedriges Niveau der Demokratiezufriedenheit in Deutschland" hin, heißt es in der Studie.

"Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Perspektivlosigkeit einzelner Bevölkerungsgruppen und deren Abkoppelung vom allgemeinen Wohlstandsniveau ein Risiko und Konfliktpotenzial für die Demokratie insgesamt darstellen könnten", sagte Heinz-Herbert Noll von der Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen.

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(SZ vom 20.11.2008/beu)