Nahtloser Übergang: Tony Blair wird am Mittwoch sein Amt als Premierminister an Gordon Brown übergeben - und steht offenbar bereits vor der nächsten Aufgabe. Doch die Vorbehalte gegen Blair als Nahost-Gesandten sind groß. Wäre er der richtige Mann? Drei Fragen an Stefan Kornelius, Ressortleiter der SZ-Außenpolitik-Redaktion.
sueddeutsche.de: Am Mittwoch übergibt Tony Blair nach zehn Jahren das Amt des Premierministers an Gordon Brown. Doch schon seit einiger Zeit ist er als neuer Nahost-Gesandter im Gespräch. Weshalb der nahtlose Übergang?
Bild vergrößern
Tony Blair (© Foto: Getty Images)
Anzeige
Stefan Kornelius: Tony Blair ist schon der richtige Mann für eine internationale Vermittlerrolle. Er hat jede Menge Erfahrung, er war lange im Amt, er bringt sehr viel Autorität mit. Allerdings zeugt die Nähe zu seinem Rücktritt als Premierminister davon, dass es hierbei auch um eine Versorgung geht. Tony Blair sucht offenbar verzweifelt nach einer Aufgabe. Er ist Anfang 50 und möchte international gefragt sein. Deswegen hat diese Berufung, sollte sie tatsächlich stattfinden, ein Geschmäckle.
sueddeutsche.de: Nach dem blutigen Bruderkrieg ist Bewegung in den Nahost-Friedensprozess gekommen. Welche Marschrichtung wird das Nahost-Quartett einschlagen?
Kornelius: Nachdem die Amerikaner und die Israelis sehr schnell auf die Entwicklungen in den Palästinensergebieten eingegangen sind, springt nun auch das Nahost-Quartett auf diesen Zug auf. Es entsteht sehr viel Dynamik, sehr viel Hoffnung wird in eine starke Fatah hineininvestiert.
Nachdem die Amerikaner und die Israelis sehr stark auf eine neue Fatah setzen und die Spaltung der Palästinenser indirekt unterstützen, hat nun auch das Nahost-Quartett bemerkt, dass die Bewegung in Nahost ausgenutzt werden kann. Deswegen das Treffen in Scharm el-Scheich, deswegen auch der Versuch, einen neuen hochkarätigen Vermittler einzusetzen, der qua Autorität die Interessen dieser Gruppe befördern kann.
Allerdings ist die Frage, ob diese Strategie tatsächlich langatmig ist oder ob sie nicht sehr kurzfristig ist - und ob sie die Interessen der Palästinenser auch wirklich abdeckt.
Die Palästinenser werden es sich nicht auf Dauer leisten können, in einem geteilten Staat Politik zu machen und mit zwei Regierungen zu amtieren. Eine Fatah-Regierung, unterstützt vom Westen und von Israel, wird die Einbindung der Palästinenser im Gaza-Streifen befördern müssen.
Sie wird ebenso versuchen müssen, die Palästinenser der Hamas mit an Bord zu ziehen. Die Strategie ist, dass man durch Belohnung der gutwilligen Palästinenser so viel Attraktivität entwickelt, dass man den radikalen Teil der Hamas schwächt.
sueddeutsche.de: Die Personalie Blair ist alles andere als unumstritten, selbst innerhalb der Europäischen Union herrscht Skepsis. Ist der scheidende Premier der richtige Mann für die Aufgabe in Nahost?
Kornelius: Tony Blair hat als Vermittler ein gewaltiges Problem. Seine politische Bilanz ist getrübt durch den Irakkrieg. Er war der prominenteste Befürworter für den Krieg im Irak. Seine Leistung in Großbritannien fällt komplett hinter diese große politische Entscheidung zurück. Seine Reputation in der arabischen Welt ist angeschlagen.
Er hat allerdings einen großen Vorteil, weil er in der vergangenen Zeit sehr oft die Region bereist hat und bei den moderaten Arabern und bei den moderaten Kräften im Irak an Vertrauen gewonnen hat. Aber die Nähe zu Bush und seine Unnachgiebigkeit in seiner Kriegsentscheidung haben ihn beschädigt.
Insofern ist die Benennung eine sehr kurzfristige Entscheidung und bei den ersten Schwierigkeiten, die in den palästinensisch-israelischen Konflikten immer aufgetreten sind, wird Tony Blair auch die Lust an dieser Vermittlerrolle verlieren und sich dann möglicherweise wieder zurückziehen.
Stefan Kornelius ist Ressortleiter der Außenpolitik-Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Die Fragen stellte Gökalp Babayigit.
Treffen mit Abbas in Ramallah
Sie und andere bezeichnen Herrn Blair als "Kriegsverbrecher".Hoeflich bitte ich um Aufklaerung ,vor welchem internationalen oder nationalen Gerichtstribunal Herr Blair verurteilt wurde oder ein Verfahren gegen ihn laeuft oder gar auch nur angestrengt wird.Falls nicht,haetten uebrigens auch Sie und Ihre Gesinnungsgenossen - unter denen sich sicherlich auch Juristen befinden - die Moeglichkeit mittels aller Beweise (die Sie ja bestimmt zuhauf angesammelt haben) auch selbst ein solches Verfahren anzustrengen.Das waere doch mal eine verantwortungsbewusste staatsbuergerliche TAT zum Wohle der Allgemmeinheit und mal was anderes,als nur das untaetige, ewige ,unqualifizierte Chor-Geschrei aus dem Sessel heraus,nicht wahr? Falls nichts von all dem Vorgenannten zutreffen sollte,so darf man Ihre Anschuldigungen als unsubstanziierte Beleidigung und Verleumdung bezeichnen.Zum Glueck fuer Sie ,beschaeftigt sich Herr Blair nicht mit sowas.ER hat was zu tun.
... die Modalitäten, nach welchen hier Kommentare gelöscht werden, gleichen auf verblüffende Weise jenen, nach denen Nahost-Vermittler ausgewählt werden.
Ist Herr Kornelius wirklich Ressortleiter der SZ-Außenpolitik-Redaktion oder nicht doch eher der SZ-Euphemismen-Redaktion?
Blair hat ein Problem. sagt Kornelius; statt: Blair ist ein Problem.
Seine politische Bilanz ist getrübt durch den Irakkrieg. Statt: Blair ist ein Kriegsverbrecher.
Usw.
Ein Kriegsverbrecher wird also jetzt Friedensvermittler. Was lernen wir daraus? Es geht gar nicht um Frieden. Sondern darum, wie sich der Unfrieden aufrechterhalten lässt. Das ist Blairs Geschäft. Schließlich profitiert der Westen prächtig davon. Wie schrieb Ingeborg Bachmann schon vor Jahrzehnten hellsichtig? Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt.
(By the way: Den Frieden in Nordirland hat schon John Major eingefädelt. Blair hat nur davon profitiert, dass dann Mo Mowlam die Sache mit dem Karfreitagsabkommen unter Dach und Fach gebracht hat. Blairs Leistung war das nicht.)
Blair ist das verlogenste Stück Sch , das in der europäischen Politik seit werweiß wie langer Zeit herumliegt. Eines der größten Verhängnisse für die Demokratie, denn er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sie zu einem Muster ohne Wert geworden ist.
Politische Bilanz? Weiß jemand irgendetwas, das unter Blair verbessert wurde? Gesundheitswesen? Bildungswesen? Alles Katastrophen. Nur in der mediale Vermittlung positiv dargestellt. Das ist das einzige, was Blair kann: spin-doctoring.
Man kann Herrn Kornelius nur die Artikel von Robert Fisk im Independent wärmstens empfehlen. Die enthalten Information.
Glaubt irgendjemand, dass Blair bei irgendwem von Bedeutung "Schwierigkeiten" habe, weil er geholfen hat, Saddam H. zum Teufel zu jagen? Lächerlich. Blair hat eher Schwierigkeiten, weil er gezeigt hat, dass er durchsetzungsfähig ist und sich von Larifaris nicht so leicht reinreden lässt. Blair steht für etwas und seine angebliche Nibelungentreue zu Bush ist nur Feuilletongeschwätz für's kleinbürgerliche (Zeitungsleser-)Publikum. Was Blair kann, hat er wirklich im Nordirlandkonflikt gezeigt. Blair kann mit persönlicher und (als Alliierter der USA) mit politischer Autorität auftreten. Das allein zählt - und das weiss auch Her Steinmeier, der niemanden hinter sich hat. Punktum. Diplomatie ist etwas anderes, als das Sandkasten Kleinklein, dass sich unsere Sandkastenstrategen an ihren Küchencomputern und in "wilden" Leserbriefen ausmalen. Wer steht für was, wer steht hinter ihm, wie sind seine Fähigkeiten als Mitspieler? Das ist entscheidend, um "Gewicht" zu haben am Roulettetisch der Macht. Da steht Blair allemal besser da als Bill Clinton, Carter, Fischer, Chirac oder wer auch immer. Genau dieses Gewicht hat er sich erworben als "Mitspieler" der USA im Irak - und dennoch hater "Distanz" signalisiert mit dem angekündigten Rückzug der Briten in dieser Region. Blair weiss immer ganz gut, was er tut. Kann man nicht von jedem sagen...
Aber Blair geht halt nicht nach Nordirland! Im Nahen Osten wird er erst einmal zu tun haben, das Misstrauen, das ihm von Palästinensern, Russen und letztlich vermutlich auch in der EU entgegenschlägt, zu überwinden. Dass diese genannten Seiten ihn akzeptieren, lässt vermuten, dass deren Hoffnung auf eine Lösung des Nahostkonflikts wärend der Amtszeit von Bush sehr gering ist.
Paging