Somalia Der Erzfeind hilft mit

Die Afrikanische Union will Somalia wieder zu einem Staat machen. Der Gegner ist die Al-Shabaab-Miliz. Äthiopien greift auf eigene Rechnung ein.

Von Tobias Zick, Baidoa

Der Kommandeur empfängt an einem symbolkräftigen Ort. Ein weiß getünchter, bröckelnder, aber trotzdem weitgehend intakter Prachtbau am Rand von Baidoa, der größten Stadt in Somalias Südwesten: Es war einst eine Residenz von Siad Barre, dem Diktator, der 1991 von Rebellen gestürzt wurde, woraufhin das Land am Horn von Afrika in Bürgerkrieg und Anarchie versank. Ein Zustand, der bis heute andauert; die zahlreichen Ruinen rings um den Palast zeugen davon.

Im Empfangsraum sitzt er aufrecht in einem tiefen Sessel, ein kleiner, zäher Mann mit gestutztem Schnauzbart und Tarnfleckuniform: General Yemane Gebremicheal, Kommandeur des "Sektor 3", eines von fünf Gebieten, in die Amisom, die "Mission der Afrikanischen Union in Somalia", das Land aufgeteilt hat. Sein Dienstsitz, seine Haltung, sein Gestus, all das lässt keinen Zweifel daran, dass hier der Herr im Haus spricht. Der Mann, der die Geschicke des Südwestens von Somalia kontrolliert.

Ein pikantes Detail dabei ist, dass General Gebremicheal und die Truppen, die er befehligt, Äthiopier sind. Aus Sicht vieler Somalier sind sie also per Definition historische Erzfeinde. Doch der Mann aus dem nordwestlichen Nachbarland besteht darauf, dass er nicht als Besatzer, sondern als Befreier hier sei. "Wir agieren in Partnerschaft mit der nationalen somalischen Armee und mit der Regierung. Die Menschen da draußen werden Ihnen sicher gern bestätigen, dass unsere Soldaten respektvoll auftreten."

In der Tat attestieren auch skeptische Beobachter den Äthiopiern, dass sie, mehr als alle anderen Beteiligten, ansehnliche Erfolge vorweisen können. Sie haben in den vergangenen Monaten mit einer Offensive die Islamistenmiliz al-Shabaab, die weite Teile Somalias kontrolliert, aus den größeren Städten des "Sektor 3" zurückgedrängt. "Sie haben schlicht nicht damit gerechnet, dass wir sie plötzlich auch aus der Luft angreifen", sagt der General mit süffisantem Lächeln.

Pause vom Gefecht: Ugandische Soldaten der Amisom-Mission bei ihrem Einsatz in der somalischen Stadt Kurtunwarey.

(Foto: Tobin Jones/AP)

Die Militärmission sollte ein Meilenstein sein, doch stattdessen zerfällt sie in ihre Einzelteile

Draußen vor der Tür kann man einige der Trophäen besichtigen: Pick-ups mit zerschossenen Scheiben, verbeulte Kleinwagen, ein Dutzend Motorräder - Fahrzeuge, die man von den besiegten Al-Shabaab-Kämpfern erbeutet hat. Was General Gebremicheal und seine äthiopischen Soldaten mit geschwellter Brust hier vorweisen, ist eine Erfolgsgeschichte, wirft aber zugleich auch ein grelles Schlaglicht auf die Schwächen von Amisom. Die Militärmission sollte eigentlich als Beleg der neuen Einigkeit innerhalb der Afrikanischen Union dienen, als Meilenstein auf dem Weg zu einer starken Sicherheitsarchitektur des Kontinents. In letzter Zeit jedoch zerfällt sie immer mehr in ihre Einzelteile.

Yemane Gebremicheal etwa macht keinen Hehl daraus, dass die Erfolge seiner jüngsten Offensive nur bedingt etwas mit Amisom zu tun haben. Die Äthiopier haben nämlich, zusätzlich zu ihrem Kontingent innerhalb der internationalen Mission, mehr als 2000 Soldaten ihrer nationalen Armee zum Kampf gegen die Islamisten nach Somalia geschickt - auf eigene Rechnung, wie der General betont. "Aber was hätten wir tun sollen? Amisom hat ja nicht mal eigene Hubschrauber."

Mangelnde Ausrüstung und schlechte Kommunikation zwischen den verschiedenen Sektoren schwächen Amisom seit Langem. In jüngster Zeit treten sie deutlicher denn je zutage, und die Anführer von al-Shabaab wissen diese Schwächen offenkundig auszunutzen. Während sie von den Äthiopiern im südwestlichen Sektor 3 neuerdings aus der Luft bombardiert werden, haben sich viele der Kämpfer in andere Sektoren geflüchtet und formieren sich dort neu.

Ende Juni etwa griff al-Shabaab in der Kleinstadt Leego, auf halber Strecke zwischen Baidoa und der Hauptstadt Mogadischu, einen Stützpunkt der damals dort stationierten burundischen Amisom-Truppen an. Erst sprengte ein Selbstmordattentäter per Autobombe die Zufahrt in das Lager frei, dann strömten mehr als hundert Al-Shabaab-Kämpfer hinein, richteten etwa 70 burundische Soldaten hin und stellten anschließend Video-Aufnahmen des Massakers ins Internet. Anfang September schlugen die Dschihadisten nach ähnlichem Muster in der östlichen Stadt Janale zu und massakrierten bis zu 50 ugandische Soldaten. Verstärkung konnte erst mit großer Verspätung kommen, weil al-Shabaab zuvor eine Brücke über den Shabelle-Fluss gesprengt hatte. "Es ist äußerst bedauerlich", sagt Gebremicheal, "dass der Feind, wenn er von uns gejagt wird, sich einfach in andere Sektoren begeben und dort Stellung beziehen kann." Eigentlich gebe es längst Pläne für landesweit koordinierte Militäroperationen; "warum die in den anderen Sektoren nicht umgesetzt werden, vermag ich nicht zu sagen. Das liegt außerhalb meiner Kompetenzen."

Berichten zufolge haben sich Amisom-Truppen in einigen Regionen angesichts der verstärkten Angriffe von al-Shabaab aus entlegenen Stützpunkten auf leichter kontrollierbares Terrain zurückgezogen. Dadurch konnten die Dschihadisten wieder näher an die Hauptstadt Mogadischu heranrücken. Auch innerhalb der Hauptstadt verbreitet die Miliz weiterhin Terror: Am vergangenen Sonntag attackierten Al-Shabaab-Kämpfer ein Hotel. Mindestens 17 Menschen starben bei dem Angriff, darunter ein ehemaliger Militärchef.

Unterdessen bemüht sich die Europäische Union, Hauptgeldgeber für Amisom, das somalische Militär durch Trainings schlagkräftiger zu machen. Die Erfolgsaussichten sind bis auf weiteres bescheiden: Der innere Zusammenhalt der nationalen Armee wird immer wieder von Konflikten zwischen verschiedenen Clans untergraben. Das Land wird noch lange auf die Präsenz ausländischer Truppen angewiesen sein, woraus al-Shabaab wiederum propagandistisches Kapital schlagen kann - zumal das Ansehen von Amisom in Teilen des Landes derzeit zu sinken droht, nicht nur wegen der schlechten Koordination zwischen den verschiedenen Kontingenten, sondern auch wegen ziviler Opfer. Ende Juli etwa töteten ugandische Soldaten in der Küstenstadt Merka sechs Gäste einer Hochzeitsfeier.

Die Islamisten treiben in weiten Teilen Zwangsabgaben ein - die Bevölkerung ist verängstigt

Doch auch im vergleichsweise aufgeräumten Sektor 3 wächst die Gefahr, dass die Präsenz der Äthiopier zunehmend als Besatzung wahrgenommen wird. "Die Gebiete, die wir von al-Shabaab befreit haben, müssen jetzt so schnell wie möglich vom somalischen Staat ausgefüllt werden", räumt auch Yemane Gebremicheal ein, "die Menschen brauchen Schulen, Krankenhäuser, Straßen." Doch ein Staat, der die Bezeichnung auch nur ansatzweise verdient, ist nach fast zweieinhalb Jahrzehnten Bürgerkrieg nicht in Sicht. Behördenvertreter geben selbst zu, dass der Staat nicht in der Lage ist, flächendeckend Steuern zu erheben - im Gegensatz zu der Islamistenmiliz, die in weiten Teilen des Landes nach wie vor Zwangsabgaben von der verängstigten Bevölkerung eintreibt. "Wir müssen leider konstatieren", sagt der für Südwest-Somalia zuständige Geheimdienstdirektor im Gespräch mit der SZ, "dass al-Shabaab wesentlich besser organisiert ist als die somalische Zentralregierung."

Wer könnte also stattdessen die zivile Aufbauarbeit übernehmen? Für General Gebremicheal ist die Antwort klar: "Die internationale Gemeinschaft. Wir warten. Es ist dringend."