So wählte Amerika Frauen, Junge und Hispanics retten Obama

Am Ende war es deutlicher als gedacht - auch weil Obama die entscheidenden Wählergruppen hinter sich bringen konnte: Wer nicht weiß ist, wählte ihn. Auch alleinstehende Frauen und Amerikaner unter 30 schienen von Herausforderer Mitt Romney nicht überzeugt - nicht die einzige beunruhigende Nachricht für die Republikaner.

Von Johannes Kuhn

Offenbarung für Obama, Offenbarungseid für die Republikaner? Auch wenn nur einige Hunderttausend Stimmen zwischen dem Wahlsieger und dem Verlierer liegen: Der Präsident hat die Wahl klar gewonnen - und das in einem Land, in dem zumindest politisch Liberale und Konservative bereits länger in verschiedenen Welten leben.

Parteistrategen in beiden Lagern werden sich nun die Ergebnisse der Wählerbefragungen genau ansehen. Die Washington Post wagt sich bereits mit einer ersten Analyse vor, die den Konservativen nicht gefallen dürfte: "Das Problem der Republikaner, das nicht nur Romney betrifft: Sie können im Moment nicht auf mehr als die 286 [nach heutiger Berechnung der electoral votes in den Bundesstaaten 292; Anm. d. Red.] Wahlmänner hoffen, die George W. Bush 2004 geholt hat." Übersetzt: Sie dürfen nicht mehr als zwei, drei Swing States abgeben, wollen sie das Weiße Haus erobern.

Ob man diese unbarmherzige Einschätzung teilt oder nicht - in den Wählerbefragungen lassen sich einige Trends feststellen, die den Republikanern zu denken geben könnten.

[] Einst entschieden weiße, männliche Amerikaner die Wahl. Diese Zeiten sind vorbei: Mit 72 Prozent aller Wähler bilden die weißen Amerikaner zwar noch die Mehrheit, doch ihr Anteil ist so klein wie noch nie, seitdem Daten über die Wählergruppen erhoben werden (1976). Hier stimmten 58 Prozent der Wähler für Romney, das sind drei Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren John McCain erhielt. Allerdings sieht es für den Republikaner in anderen Wählergruppen deutlich schlechter aus.

[] 1996 machten die Wähler anderer Hautfarben noch zehn Prozent der abgegebenen Stimmen aus, inzwischen liegt der Anteil bei 21 Prozent. Und das Ergebnis dort ist eindeutig: 93 Prozent aller schwarzen amerikanischen Wähler stimmten für Obama. Nur 29 Prozent aller wählenden Hispanics gaben Romney die Stimme - so schlecht schnitt kein republikanischer Präsidentschaftskandidat seit Bob Dole im Jahr 1996 (21 Prozent) ab. Für Obama stimmten in der Wählergruppe 69 Prozent, er legte im Vergleich zu 2008 nochmals zwei Prozentpunkte zu. Dies ist deshalb wichtig, weil inzwischen insgesamt jeder zehnte Wähler ein Hispanic ist. Die Huffington Post titelte folgerichtig "¡Viva Obama!".

Erst in den letzten beiden Wahlkampfmonaten hatte sich Romney aktiv um die sogenannten Latinos bemüht. Während Obama zumindest ankündigte, illegalen Einwanderern unter bestimmten Bedingungen nach einigen Jahren die Perspektive auf die amerikanische Staatsbürgerschaft eröffnen zu wollen, konzentrierte sich Romney auf das klassische konservative Milieu der Hispanics, das langsam altert. Auch die asiatischstämmigen Amerikaner konnte der Demokrat überzeugen: Hier legte er mit 72 Prozent nochmal um zwölf Prozentpunkte zu.

[] Republikanische Kandidaten haben weiterhin ein Problem, Frauen für sich zu gewinnen, die mehr als die Hälfte der Wählerschaft stellen: Obama gewann hier mit 55 zu 43 Prozent und konnte damit sein Ergebnis von 2008 in etwa halten. An Romneys "Aktenordner voller Frauen" dürfte das nicht liegen, vielmehr spielt auch die Wahrnehmung der Republikaner als sozial-konservativ in Fragen wie Abtreibung und Gleichberechtigung eine Rolle.

Vor allem alleinstehende Frauen, denen die konservativen "Family Values" traditionell nicht besonders wichtig sind, wählen Obama: Zwei Drittel von ihnen stimmten für den Präsidenten, der es zu Beginn seiner Amtszeit Frauen erleichterte, gegen ungleiche Bezahlung zu klagen.

[] Bei Männern wiederum konnte Romney sieben Prozentpunkte mehr Stimmen als Obama gewinnen. Der Geschlechterunterschied zeigt sich inzwischen seit den Achtzigern kontinuierlich bei Wahlen, weshalb sich langsam die Interpretation durchsetzt, dass amerikanische Frauen in der Mehrheit generell etwas liberaler sind als US-Männer.

[] Das Wahlergebnis spiegelt auch einen Generationenkonflikt: 60 Prozent der Wähler unter 30 gaben Obama ihre Stimme - der Fokus auf die Mobilisierung der jungen Amerikaner zahlte sich schon wie 2008 aus, da diese Altersgruppe inzwischen ein Fünftel der Wählerstimmen ausmacht. "Die Stimmen der Jungen sind nicht mehr vernachlässigenswert", folgert die Washington Post. Ob aber auch der nächste demokratische Kandidat die Jugend mobilisieren kann, ist damit noch nicht gesagt.

[] 55 Prozent der über 65-Jährigen wiederum wählten Romney. Allerdings konnte Obama nur in der Altersgruppe zwischen 30 und 44 sein Ergebnis halten. Er profitierte davon, dass der Herausforderer im Vergleich zu John McCain 2008 nur wenige Prozentpunkte zulegen konnte.

[] Immer wieder war davon die Rede, dass die Kandidaten die unabhängigen Wähler gewinnen müssen. Doch nicht Obama, sondern Romney überzeugte diese Gruppe offenbar: 49 Prozent der Stimmen gingen Wählerbefragungen zufolge an den Republikaner, Obama erhielt nur 45 Prozent und verlor damit sieben Prozentpunkte im Vergleich zu 2008. In Ohio hatte Romney bei den Independents sogar zehn Prozentpunkte Vorsprung. Dies wiederum legt nahe, dass es den Demokraten gelang, die Stammwählerschaft zu mobilisieren. Wer sich allerdings unabhängig von der Parteizugehörigkeit als "moderat" bezeichnet, wählte mehrheitlich Obama. Am Ende gewann der Präsident also die Wahlen auch in der Mitte.

[] Die Wirtschaft ist nicht alles. Zwar holte Romney bei den Wählern, denen die wirtschaftliche Lage am wichtigsten ist, die Mehrheit. Allerdings sagte auch ein Fünftel aller Wähler, dass die Frage, ob sich "ein Kandidat um Menschen wie mich kümmert" entscheidend sei. In dieser Gruppe gewann Obama 82 Prozent der Stimmen. Romney schaffte es also nicht, seinen Ruf, ein rücksichtloser Millionär zu sein, der die Sorgen der Menschen nicht kennt, zu entkräften - ein Image, das er auch aufgrund zahlreicher negativer Wahlwerbespots der Demokraten mit sich herumschleppte.

[] Auch wenn es im Zuge der Animositäten zwischen Obama und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu oft gemutmaßt wurde: Die große Mehrheit der jüdischen Amerikaner gibt dem Präsidenten weiterhin ihre Stimme, auch wenn die Mehrheit von 78 auf 69 Prozent etwas schrumpfte. Auch sonst gibt es in Sachen Religion keine Überraschungen: Bei den Protestanten erhielt Romney die Mehrheit, bei Katholiken lagen beide Kandidaten gleichauf. Und: Weiterhin wählen fast drei Viertel der Atheisten demokratisch.

Einen entscheidenden Unterschied machte nicht nur die Beliebtheit des Präsidenten bei bestimmten Zielgruppen aus, sondern auch die direkte Ansprache. Die Demokraten schafften es, vor allem in den Wechselwähler-Staaten Anhänger und mögliche Wähler zu mobilisieren - sie besaßen nach Experteneinschätzung die komplexeren Datensätze, um sie zu identifizieren.

Linktipp: Mehr über Data Mining im US-Wahlkampf von unseren Korrespondenten Matthias Kolb und bei Time.com.