Skurriler Wettstreit zwischen Indien und Pakistan Atommächte im Chor-Konflikt

Balzkampf statt freundschaftliche Geste: An der indischen-pakistanischen Grenze stehen Soldaten beider Länder für die allabendliche Zeremonie bereit, den Händedruck.

(Foto: DPA)

Mehr als 100.000 Menschen singen in Indien gleichzeitig die Nationalhymne - und stellen damit einen Weltrekord auf. Doch viel wichtiger ist: Man hat die Bestmarke dem verhassten Nachbarn Pakistan abgeluchst. Es ist nicht das einzige Beispiel für die seltsamen Züge, die der Konflikt der beiden Länder annimmt.

Indien gegen Pakistan - seit Jahrzehnten tobt zwischen beiden Nachbarländern ein erbitterter Konflikt. Wem "gehört" Kaschmir? Wer hat mehr Atomwaffen? Aber auch: Wer spielt besser Cricket?

Zumindest bei der sportlichen Frage gibt es einen klaren Sieger: Indien schlug Pakistan zuletzt acht Mal in Folge. Wie viele Atomwaffen die beiden Länder genau besitzen, ist dagegen nicht bekannt. Das Stockholmer International Peace Research-Institute (SIPRI) schätzt die Anzahl atomarer Sprengköpfe in Pakistan zwischen 90 und 110, in Indien zwischen 80 und 100.

Nun haben Pakistan und Indien ihre Rivalität ausgeweitet: Es geht um die Macht des Gesangs. Genauer gesagt um die Frage: Wer bekommt die meisten Menschen zusammen, um im Chor die Nationalhymne zu singen?

Der Sängerwettstreit begann im August 2011: Während des Unabhängigkeitstages versammelten sich 5.857 Pakistaner, um ihre Hymne zu singen. Damit brachen sie den damals gültigen Weltrekord, den 2009 laut Guinness-Buch die Philippinen aufgestellt hatten - allerdings war seinerzeit kein Abgesandter des Komitees vor Ort.

Der Gesang aus Tausenden pakistanischen Kehlen provozierte die Inder offenbar. Januar 2012 kamen in Aurangabad, nordwestlich von Mumbai, 15.243 Menschen zusammen und stimmten die indische Hymne an. Damit schafften sie es in das Guinness-Buch der Rekorde.

Im Oktober wiederum organisierte Pakistan die musikalische Gegenoffensive: 44.200 Menschen sangen im Hockeystadion von Lahore gemeinsam die Nationalhyme "Pak Serzameen Shaad Baad".

Am Wochenende fand nun der vorerst letzte Akt des Sängerwettstreits statt: In der Stadt Kanpur fanden sich in einem Stadion mehr als 100.000 Menschen ein, darunter auch Kinder aus 200 Schulen. Sie sangen - oder grölten vielmehr - die Nationalhymne "Jana Gana Hama" (Herrscher über den Geist des Volkes).

Nun wird es wohl nicht lange dauern, bis die Pakistaner zurücksingen.

Bis es so weit ist, werden die Rivalitäten an anderer Stelle ausgetragen. So zum Beispiel während der täglichen Wachablösung an der Wagah-Grenze, wo sich indische und pakistanische Soldaten gegenüberstehen. Jeden Abend öffnen sich die Tore für einen symbolischen Händedruck. Auf Tribünen sammeln sich Schaulustige, indische und pakistanische Fahnen werden geschwenkt.

Die Zeremonie ist in unzähligen Touristenvideos auf Youtube zu sehen: Die Soldaten (Indien: khakifarbene, prächtige Uniform, Schnauzbart; Pakistan: dunkelblaue prächtige Uniform, gestutzter Vollbart oder Schnauzbart) marschieren im Stechschritt aufeinander zu und reichen sich die Hände. Wobei beide nochmal besonders temperamentvoll mit dem Fuß aufstampfen.

Was aussehen soll wie eine freundschaftliche Geste, gleicht eher einem Balzkampf zweier Pfauen. Und am Ende kann sich jeder als Sieger fühlen.