Singapur Liebe von Amts wegen

Weil die Geburtenrate sinkt, hat in Singapur der Staat die Eheanbahnung in die Hand genommen - den Frauen ist damit nicht wirklich geholfen.

Von Manuela Kessler

(SZ vom 24.7.2003) - Sie ist rank und schlank, ein schulterfreies Deuxpièces unterstreicht die Figur in Violett, und schwarzes Haar umrahmt ein makelloses Gesicht mit wachen Mandelaugen.

Frau mit 3D-Brille

Junge Frau auf einer Technikmesse in Singapur: kein Ehemann, nirgends.

(Foto: AP)

Die bewundernden Blicke und anerkennenden Pfiffe der Papagalli wären Chua Nan-Sze in Italien sicher. In Singapur aber pfeifen nur die Vögel, dafür rund ums Jahr, als wollten sie das lustfeindliche Klima vergessen machen, das hier herrscht.

Der Zwergstaat am Äquator hat dermaßen Karriere gemacht als wirtschaftliche Drehscheibe für Südostasien, dass die meisten der vier Millionen Einwohner vollklimatisiert leben inmitten einer üppigen, manikürten Parklandschaft und auf Hochtouren malochen, nicht selten 60 Stunden in der Woche.

Auf Leistung und Erfolg werden sie von Kindesbeinen an gedrillt, im Dienste des Vaterlandes, der Gemeinschaft und der Familie.

Null Frühlingsgefühle

Da bleibt wenig Zeit, auf andere Gedanken zu kommen - und alles, was in dem bisschen Freizeit, das bleibt, erotische Phantasien wecken könnte, unterbindet die Zensur.

Mögen die Schmetterlinge auch unentwegt herumflattern zwischen Orchideen, Bananenstauden und Mangobäumen: Null Frühlingsgefühle regen sich, selbst wenn die biologische Uhr unüberhörbar tickt.

"Aiyah, was habe ich nicht alles versucht", sagt Chua Nan-Sze und fährt sich mit der Hand durchs schulterlange Haar. Die 27-Jährige hat ihre Fühler in alle Richtungen ausgestreckt, seitdem sie aus Kanada, wo sie studiert hat, zurückgekehrt ist in die Heimat: "Prince Charming fällt nicht vom Himmel, wie viele Singapurerinnen noch immer glauben", gibt sich die Gymnasiallehrerin überzeugt.

Speed Dating

Kaum ein Monat vergeht, an dem sie nicht an einer Degustation oder einem Sportkurs, einer Ferienreise oder einem so genannten Speed Dating, einer Rendezvous-Runde im Sieben-Minuten-Takt, teilnimmt mit dem einen Ziel, den Partner fürs Leben zu finden.

Chua Nan-Sze ist Mitglied eines Clubs der einsamen Herzen, der ausschließlich Akademikern offen steht und den vielsagenden Namen "lovebyte" trägt.

Betrieben wird er ganz offiziell von der Regierung, die sich um den Fortbestand des kleinen Volkes sorgt.

Die Singapurerinnen gebären nämlich in ihrem Leben nur noch 1,45 Kinder im Schnitt. Die Bevölkerung schrumpft und wird - wie in Deutschland und der Schweiz - immer älter.

Kommt hinzu, dass die Chinesen, die drei Viertel der Bürger stellen und den Ton politisch wie wirtschaftlich angeben, weit weniger zeugungsfreudig sind als die Malaien und die Inder.

Das nährt im Inselstaat die alte Angst, irgendwann vom großen Nachbarn Malaysia überrannt zu werden, von dem man sich 1965 erst schmerzvoll abgespalten hat.

Mit 30 eine alte Jungfer

Singapur wäre nicht Singapur, wenn es sich mit dem Bevölkerungsschwund einfach abfände. Die Regierung hat in weiser Voraussicht bereits 1984 das Amt für soziale Entwicklung ins Leben gerufen, kurz SDU (Social Development Unit) genannt.

Die Behörde hat die Aufgabe, unter den Studierten, die zur großen Mehrheit chinesischer Abstammung sind, für mehr Hochzeiten und Kinder zu sorgen.

Eine Schwesteragentur für den ungebildeten Rest der Bevölkerung wurde etwas später gegründet. Zusammen vermitteln sie ein Drittel der 19.000 Ehen, die alljährlich in Singapur geschlossen werden.

Da liegt der Gedanke an George Orwell nahe, der in seinem Roman "1984" die Schreckensvision einer gleichgeschalteten Gesellschaft entworfen hat, in der Vater Staat buchstäblich alles regelt.

Tan-Huang Shuo-Mei will davon nichts wissen: "Ich bin der lebende Beweis dessen, was die SDU zu leisten im Stande ist." Im Alter von 30 Jahren, womit Frauen in Asien gemeinhin als alte Jungfer abgeschrieben werden, hat sie durch die staatliche Heiratsvermittlung ihren Ehemann gefunden, den Kommunikationschef eines Polytechnikums.

Eine Art Entwicklungshelferin

Inzwischen, 15 Jahre später, hat sie drei Töchter und ist Direktorin der staatlichen Heiratsagentur, die in einer kolonialen Villa mit lauschigem Park residiert.

Die mollige Frau im pastellgelben Kostüm sieht sich als eine Art Entwicklungshelferin. Nachhilfe in "der Kunst der Kommunikation, dem Knüpfen und Pflegen von Beziehungen" erachtet sie für nötig, vorab beim männlichen Teil der Bevölkerung.

Entsprechend bietet die SDU nicht nur die klassische Heiratsvermittlung an, die laut Tan-Huang Shuo-Mei "eine gewisse Reife" voraussetzt, sondern auch eine Kontaktplattform und ein Sozialprogramm.

Bingo und Schatzsuche

Den Teilnehmern wird eine Broschüre in die Hand gedrückt mit dem Titel "Mix 'n' Match", welche Anleitungen für Spiele wie Bingo und Schatzsuche enthält zum ungezwungenen Kennenlernen. Das Angebot runden Seminare ab, etwa zum Thema: "Wie vermeide ich es, einen Trottel zu heiraten?"

Der Kochkurs hat seinen Geschmack nicht getroffen. "Beängstigend viel Butter und Eier sind in das Soufflé gewandert", bemerkt Zach Chia trocken. Der schlaksige 30-Jährige mit der trendigen Schmachttolle bevorzugt es traditionell, vielleicht gerade weil er einen unkonventionellen Werdegang hat.

Aufgewachsen als Sohn eines Taxifahrers und einer Näherin, hat er früh auf eigenen Beinen zu stehen gelernt. In der Jugend, sagt Zach Chia, habe er zu Hause unter "emotionalem Mangel" gelitten, weil die Eltern schlicht und einfach überarbeitet gewesen seien, am Gymnasium und der Uni sei er als Werkstudent "ein Außenseiter" gewesen unter all den verwöhnten Kindern besser gestellter Eltern. Geborgenheit hat er in der Heilsarmee gefunden.

Lausige Liebhaber

Der Ingenieur, der Software für Hotels vertreibt, träumt von "Entfaltung" mit einer "herzlichen, hilfsbereiten und häuslichen Frau".

Bis es soweit ist, lebt er mit seinen Eltern zusammen - das ist bei Unverheirateten in Singapur die Regel - in einer Sozialwohnung. Die bescheidenen Familienverhältnisse haben bisher die meisten Akademikerinnen abgeschreckt, erklärt Zach Chia mit einem Schulterzucken.

Von Aufklärung keine Spur

"Sie stellen hohe materielle Ansprüche an einen künftigen Ehemann." Von Leidenschaft ist bei der staatlichen Eheanbahnung ebenso wenig die Rede wie von Aufklärung.

Der Gesetzgeber ist der Ansicht, dass die Sexualität ausschließlich im Rahmen der Ehe angebracht ist, zu Fortpflanzungszwecken.

Fazit: Die Singapurer sind lausige Liebhaber. Nur jeder vierte Mann und jede zehnte Frau im zeugungsfähigen Alter wünschen häufiger Sex als sechs Mal monatlich.

Verkaufsschlager Viagra

Das macht sie zum Schlusslicht in einer Erhebung, welche der Kondomhersteller Durex vergangenes Jahr in 22 Ländern hat vornehmen lassen.

Dabei wird der Potenz bereits kräftig nachgeholfen mit allerlei chinesischen Heilmitteln und mit Viagra, dem meistverkauften Medikament im Stadtstaat.

Kribbeln nicht so wichtig

"Liebe Frau Doktor Love", schreibt ein einsames Herz im Internet, "ich gehe seit einiger Zeit mit einem zwei Jahre älteren Kerl aus, der nur über seine Arbeit spricht. Er langweilt mich. Doch gewissenhaft und verantwortungsvoll, wie er ist, hat er das Zeug für einen guten Ehemann."

Das Kribbeln sei nicht wichtig, hätten ihre Freundinnen geraten, auf gut aussehende Jungs sei kein Verlass. "Ist dem so?", will die Schreiberin wissen. "Den perfekten Mann zu finden, ist schwer", antwortet die Briefkastentante unter der Adresse lovebyte.org.sg. "Setzen Sie Prioritäten."

Ein anderer Ratsuchender erzählt: "Kürzlich habe ich eine Frau getroffen, mit der ich gern den Rest meines Lebens verbringen würde. Aus unerklärlichem Grund werde ich jedoch verlegen, wenn ich ihr gegenüber stehe. Was ist bloß mit mir los?"

Der Volksmund tut die Teilnehmer der SDU-Programme ab als "single, desperate and ugly" - "allein, verzweifelt und hässlich". Es stimme, sagt Chua Nan-Sze, dass die Frauen im Durchschnitt weit weltoffener, gewandter und attraktiver seien als die Männer, aber durch die Regierungsorganisation habe sie immerhin ihren ersten Freund kennengelernt.

Die Suche nach dem süßen jungen Ding

"Er war indischer Abstammung. Der ethnische Unterschied hat sich im Laufe der Zeit als unüberwindbare Hürde erwiesen."

Seit der Trennung vor einem Jahr ist die Gymnasiallehrerin wieder solo. Sie seufzt: "Die meisten der chinesischen Männer bei der SDU sind, ehrlich gesagt, entweder unbeholfen oder ungepflegt. Der wertvolle Rest genießt die riesige Auswahl an hübschen Frauen aus freien Zügen - und wer sich wirklich binden will, hält Ausschau nach einem süßen, jungen Ding."

Sie aber misst 1,68 Meter und marschiert auf die 30 zu: "Vielleicht sollte ich im Westen nach einem geeigneten Ehemann suchen."

(sueddeutsche.de)